Wenn der Funke überspringt

Passion Zukunft | Mai 2015

Ohne ihr Engagement geht es nicht: Mehr als 8 000 Ehrenamtliche sorgen dafür, dass Jugend forscht Jahr für Jahr stattfinden kann

Angela Köhler-Krützfeld, Lehrerin am Romain-Rolland-Gymnasium Berlin, Jurorin und Projektbetreuerin bei Jugend forscht

Es sind Momente wie dieser: Ein Jugendlicher, der bisher vor allem durch Straftaten auffiel, stellt beim Bundeswettbewerb sein Projekt vor – und wird prompt Zweiter. Oder dieser: Noch vor drei Tagen wollten die Jungs aufgeben und ihr Projekt an den Nagel hängen. Jetzt werden die drei unter Applaus beim Landesfinale Zweite. Solche Glücksmomente machen Jugend forscht nicht nur für die Gewinner selbst einzigartig. Sondern auch für ihre Projektbetreuer, für die Juroren und Wettbewerbsleiter. Denn diese Erfolge motivieren, weiterzumachen, neue Talente zu entdecken und sie zu fördern. Jahr für Jahr, immer wieder.

Mehr als 8 000 Ehrenamtliche tragen den Wettbewerb: Lehrer und Ausbilder, Professoren und Personaler. Sie alle schlagen sich dafür die Nächte mit Experimenten und Forschungsarbeiten von Schülern um die Ohren, stellen Anträge, suchen Sponsoren, bewerten die Projekte und organisieren die Wettbewerbsveranstaltungen.

Zum Beispiel die heute 55-jährige Angela Köhler-Krützfeld aus Berlin. Schon als Schülerin entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Chemie. Ihren Lehrer bat sie um ein Forschungsthema – weil der aber Mädchen in den Naturwissenschaften für überflüssig hielt, wurde es ein besonders schweres. Nicht der Lehrer, sondern die Mitschüler motivierten Köhler-Krützfeld schließlich, ihr Projekt bei Jugend forscht einzureichen. Sie wurde Zweite im Landeswettbewerb, promovierte nach dem Studium in ihrem Lieblingsfach Chemie, wurde Lehrerin – und beschloss, es bei ihren eigenen Schülern besser zu machen.

So betreut sie am Romain-Rolland-Gymnasium in Berlin nicht nur eine naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Mädchen und derzeit auch 19 Projekte für Jugend forscht und Schüler experimentieren. Einem der dortigen Regionalwettbewerbe steht sie auch als Jurorin zur Seite. Für ihr Engagement wurde sie bereits von der Gesellschaft Deutscher Chemiker mit dem Friedrich Stromeyer-Preis als "Chemielehrerin des Jahres" ausgezeichnet.

Doch das erzählt sie ganz nebenbei. "Wichtiger sind meine Schüler und deren Erfolge", sagt sie ohne jede Koketterie. Und da fallen ihr jede Menge ein. Die drei Jungen etwa, die gemeinsam über den Einsatz gelartiger Stoffe bei Tankerunglücken forschten. Drei Tage vor Abgabe wollten sie hinschmeißen. "Ich habe mir den Mund fusselig geredet", erzählt Köhler-Krützfeld. Mit Erfolg: Innerhalb eines Wochenendes stellten die drei ihre schriftliche Arbeit fertig – und wurden damit Zweite beim Landeswettbewerb. "Es ist nicht der Preis allein", sagt die Chemielehrerin, deren Herz für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern schlägt. Vielmehr unterhalte sich die Jury mit den Teilnehmern auf Augenhöhe, sie würden ernst genommen, wertgeschätzt. "Alle Schüler sind dadurch innerlich enorm gewachsen", sagt Köhler-Krützfeld.

Auch im Urlaub forschen

So auch die drei Raketenforscher der Lehrerin. 2013 belegten sie mit alternativen Antriebsstoffen den dritten Platz beim Bundeswettbewerb. Einer setzte sich an eine Weiterentwicklung und wurde damit im vergangenen Jahr Bundessieger. "Das ist, als wäre das eigene Kind ausgezeichnet worden", sagt seine Betreuerin, die mit dem Sieger ihre Winterferien in Bayern verbrachte – damit er ganz in der Nähe ein Praktikum bei einem Hersteller von Brennstoffen absolvieren und mit der Chemikalie experimentieren konnte.

Natürlich motzt da die eigene Familie schon mal über die vielen Stunden, die sie mit den Schülern verbringt. "Im Prinzip haben meine Töchter aber Verständnis: Sie haben schließlich selbst bei Jugend forscht mitgemacht", wischt Köhler-Krützfeld solcherart Missklang lachend weg.

Ortswechsel nach Hamburg. Hilke Söhle bezeichnet sich als dreifachen Fan: Sie liebt Jugend forscht, ihre Schüler und die Physik. Es sei einfach faszinierend zu erleben, wenn "der Funke überspringt", sagt Söhle. Natürlich könne man nicht alle Kinder und Jugendlichen für Naturwissenschaften begeistern. Aber es zu versuchen, sehe sie als ihre wichtigste Aufgabe.

Söhle begann schon während ihres Referendariats, junge Forscher und Erfinder zu begleiten, heute ist ihre Stelle als Lehrerin am Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer direkt mit der Betreuung verschiedener Wettbewerbe verknüpft. "Es begeistert mich zu sehen, was aus einer kleinen Anfangsidee alles werden kann, wie die Schüler oft über Jahre ein Thema verfolgen und ausbauen." Söhle war Landesjurorin in Hamburg und ist mittlerweile Jurymitglied beim Bundeswettbewerb im Fach Physik. Das sei sogar für Fachleute herausfordernd, sagt die 34-Jährige: "Die jungen Leute bearbeiten echte Expertenthemen. Da muss man sich ordentlich einarbeiten, um sie überhaupt beurteilen zu können."

Positives Feedback gibt Motivation

Andere Lehrer verbinden auch persönliche Leidenschaften mit dem Wettbewerb, zum Beispiel Manfred Brenner. Der Chemielehrer aus Tübingen nennt Jugend forscht sein "Lebenselixier". Seit 14 Jahren betreut er die forschenden Schüler an der Gewerblichen Schule der Stadt und frönt dabei auch einer eigenen Passion: der Höhlenforschung. "Darum geht es doch: die eigene Begeisterung für ein Fachgebiet an die Jugend weiterzugeben", sagt er.

So drehen sich fast alle Projekte, die Brenners Schüler bei den Wettbewerben einreichen, um die vielen Höhlen der Schwäbischen Alb. Aus der Arbeitsgemeinschaft an seiner Schule sei im Laufe der Jahre fast ein Verein geworden, erzählt Brenner lachend. Denn auch nach ihrem Schulabschluss treffen sich die Höhlenforscher weiter und stecken ihrerseits den Nachwuchs mit der Begeisterung für Höhlen an. Die teilnehmenden Jugendlichen lernten, an ihre Grenzen zu gehen, so Brenner, sowohl körperlich als auch geistig, und könnten durch das beim Wettbewerb vorgeschriebene wissenschaftliche Arbeiten am Ende sogar korrekt aus Büchern zitieren.

"Durch das positive Feedback der jungen Leute bekomme ich aber auch wahnsinnig viel für mich und meine eigene Motivation zurück", sagt Brenner. Das sei im Lehreralltag eher die Ausnahme. Ans Aufhören denkt er, der seit Jahren den baden-württembergischen Sponsorpool von Jugend forscht verwaltet, noch lange nicht. "Dann würde ich ja einen wichtigen Antrieb in meinem Lehreralltag verlieren."

Dieter Römer dagegen muss aufhören – nach 30 Jahren ehrenamtlichen Engagements für Jugend forscht. Der Landeswettbewerbsleiter von Nordrhein-Westfalen ist am Theodor-Heuss-Gymnasium Hagen Lehrer in Altersteilzeit und wird spätestens 2016 die Stafette an einen Jüngeren weiterreichen. Doch leicht fällt ihm das keineswegs. "Ich zögere den Moment hinaus, so lange es geht", sagt der Physiker. "Die jungen Leute sprühen vor Ideen und Engagement. Das ist pure Energie." Es begeistere ihn zu sehen, was im Laufe der Jahre aus den oftmals im Kindesalter beginnenden Forschernaturen werde. "Einer unserer Bundessieger ist heute Professor in Bielefeld, der andere Chemiedoktorand in Dresden." Unvergessen auch das Jahr 2012, in dem Nordrhein-Westfalen gleich drei Bundessieger stellte.

Doch am beeindruckendsten war für Römer die Entwicklung zweier junger Straftäter. Sie meldeten sich aus der Lehrwerkstatt des Jugendgefängnisses in Herford beim Wettbewerb an – und holten Preise: Einer wurde Zweiter beim Landeswettbewerb, der andere sogar Zweiter beim Bundesfinale. Diese Arbeit mit Jugendlichen aus allen Schichten, mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen und Interessen – das sei für ihn bis heute etwas ganz Besonderes, sagt Römer. "Das hat meinen Horizont erweitert."


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