Weiter, immer weiter

Passion Zukunft | Mai 2015

Bakterien bewachen und Sterne beobachten: Die Bundessieger Sibylle Gaisser und Julian Petrasch sprechen über die Liebe zur Wissenschaft und den Geist von Jugend forscht

Zwei Generationen, eine Leidenschaft: Sibylle Gaisser und Julian Petrasch sind begeistert Forscher

Frau Gaisser und Herr Petrasch, können Sie sich daran erinnern, wann das Forschervirus bei Ihnen ausbrach?

Gaisser: Recht früh, mit acht oder neun Jahren: Es gab damals diese Experimentierkästen für Kinder inklusive Mikroskop. So ein einfaches Teil, das man selbst zusammenbauen musste. Das fand ich toll. Ich hatte diesen Drang – ich wollte wissen, was die Dinge im Innern zusammenhält. Klingt das zu hochtrabend?

Petrasch: Finde ich nicht. Ich weiß noch, dass ich einmal im Kindergarten tagsüber den Mond gesehen habe und davon fasziniert war. Mit sechs habe ich mein erstes Teleskop bekommen, primitiv und wackelig, aber danach ging es immer weiter mit dem Beobachten und Entdecken.

Gaisser: Sie haben recht: Bei mir war diese Neugier im Grunde auch vor den Experimentierkästen vorhanden. Ich kann gar nicht mehr exakt sagen, ab wann. Vermutlich schon immer.

Petrasch: Seitdem ich denken kann.

Gaisser: Ich erinnere mich an frühe Waldspaziergänge, auf denen ich meine Eltern damit löcherte, warum das Moos an Bäumen nur auf der einen, aber nicht auf der anderen Seite wuchs.

Und wie haben Ihre Eltern reagiert?

Gaisser: Die haben nach bestem Wissen Auskunft gegeben. Mein Vater ist Physiker, meine Mutter Erzieherin. Bei uns wurde immer viel geredet und gefragt. Es herrschte eine große Aufgeschlossenheit für Naturwissenschaften und kreative Spiele. Mein Vater war es auch, der mich damals ermutigte, bei Jugend forscht mitzumachen.

Petrasch: Mein Vater ist ebenfalls technisch interessiert. Als ich klein war, hat er mich auf Dampflokfahrten mitgenommen oder wir haben Bergwerke besichtigt. Er hat mich später bei Jugend forscht immer unterstützt. Ich glaube, diese Rückendeckung ist sehr wichtig.

Gaisser: Bei uns zu Hause wurde immer viel gebastelt oder wir werkelten im Hobbyraum im Keller herum.

Petrasch: Oh ja, handwerkliches Geschick bringt einen bei Jugend forscht weiter! Die Stratosphärenkapseln meiner Ballons, mit denen ich 2013 zum zweiten Mal Bundessiegerwurde, habe ich aus Styroporblöcken selbst gesägt. Auch die Kameras habe ich selbst umgebaut und neu programmiert. Da kam eine Menge Kopf- und Handarbeit zusammen.

Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem sich das ganze Leben um Jugend forscht dreht? Wird man ein bisschen süchtig?

Petrasch: Bei meiner ersten Teilnahme war das schon eine Katastrophe (lacht). Da habe ich die Schule quasi ausfallen lassen. Ich bin natürlich hingegangen, habe aber kaum noch Hausaufgaben gemacht, sodass meine Noten nicht mehr richtig gut waren. Das war mir in der zehnten Klasse aber egal.

Gaisser: Ich hätte mich nie getraut, in der Schule fünfe gerade sein zu lassen. Die Forschung wurde erst viel später bestimmend in meinem Leben – mit der Diplom- und der Doktorarbeit. Wenn die Bakterien nachts um drei ihr maximales Wachstum hatten, stand ich natürlich im Labor.

Petrasch: In der praktischen Astronomie können fast alle Messungen nur nachts durchgeführt werden. Und da wird es dann gerne bitterkalt.

Gaisser: Ja, diese Nächte, in denen man dann doch schon mal denkt: Was tue ich mir hier nur an. Aber es geht dann trotzdem immer weiter.

Woher rühren der Drang, der Ehrgeiz und der Durchhaltewille beim Forschen?

Petrasch: Schwer zu sagen, ich war wie infiziert. Und es bleibt immer spannend. Bei meinem letzten Projekt, das mit den Stratosphärenkapseln, konnten die Kameras keine Bilder übermitteln. Aus so großer Höhe gibt es keinen Datenempfang. Der große Moment kam immer dann, wenn ich die Kapsel nach der Bergung öffnete und sich herausstellte, ob das Ergebnis monatelanger Arbeit unglaubliche Aufnahmen der Erde waren oder eine Fehlermeldung.

Gaisser: Man braucht ein hohes Maß an Frustrationstoleranz beim Forschen. Und den Glauben daran, dass man es schaffen wird. Während meiner Doktorarbeit habe ich einmal ein geschlagenes Jahr in die falsche Richtung gearbeitet. Da musste ich schon schwer schlucken.

Petrasch: Oh je, und dann?

Gaisser: Ich habe nicht aufgegeben und einen anderen Ansatz gesucht. Weiter, immer weiter!

Petrasch: Darum geht es, nicht wahr? Neue Wege finden, ein Problem anders anpacken. Eine Fragestellung auf originelle Art und Weise angehen und lösen wollen.

Gaisser: Ja, das ist ganz zentral. Wie kann ich mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, mein Ziel erreichen? Wie kann ich aus Rückschlägen lernen, um zu einem Ergebnis zu kommen? Da kommt viel zusammen: Analyse, Kreativität, Disziplin, Fleiß. Und manchmal stellen sich dann Erfolge ein.

Wie haben Sie 1987 Ihren Sieg erlebt?

Gaisser: Ach, das war einfach toll. Ich hatte es nicht erwartet. Gar nicht.

Petrasch: Was haben Sie damals gemacht?

Gaisser: Ich habe mir In-vitro-Verfahren zum Testen von Hautschutzpräparaten ausgedacht, um von Versuchen mit Tieren oder mit Probanden wegzukommen.

Waren Sie damals sehr stolz?

Gaisser: Total! Die Urkunden wurden im Treppenhaus der Schule aufgehängt, ich war plötzlich bekannt wie ein bunter Hund.

Petrasch: Bei mir war es ähnlich. Mein erstes Projekt habe ich an einer Sternwarte gemacht, davon wussten meine Lehrer gar nichts. Und nach dem Sieg gab es plötzlich Presseanfragen, ein paar Tage später wussten es alle an der Schule, was übrigens recht praktisch war, etwa wenn man eine Entschuldigung brauchte (lacht).

Gaisser: Und Ihre Klassenkameraden? Fanden die das gut oder galten Sie als Streber?

Petrasch: Natürlich gab es Sprüche, wie intelligent ich doch angeblich sei, aber das war alles nett gemeint. War es bei Ihnen anders?

Gaisser: Ich erntete teilweise Unverständnis von anderen Mädchen. Einige konnten überhaupt nicht nachvollziehen, dass ich mich nicht für Klamotten und Aussehen interessiere und lieber im Hobbyraum herumexperimentiere. Ich entsprach einfach nicht dem gängigen Frauenbild.

Petrasch: War das nicht verletzend?

Gaisser: Ja, ein bisschen schon. Umso hilfreicher war für mich in dieser Zeit eine Biografie von Marie Curie und ihrer Tochter Irene, die mir damals in die Hände fiel. Diese beiden Frauen waren für mich in meiner weiteren Orientierung sehr wichtige Vorbilder, denen ich nacheifern wollte.

Trotzdem scheinen ja nach einem Sieg bei Jugend forscht die positiven Effekte zu überwiegen – oder?

Petrasch: Diese offizielle Bestätigung, dass man etwas Besonderes geschafft hat, tut sehr gut. Der Sieg ist eine Art Ritterschlag.

Gaisser: Ich war ein schüchternes Mädel, durch den Wettbewerb habe ich massiv an Selbstvertrauen gewonnen. Vor gestandenen Professoren mein Projekt zu präsentieren – das war eine wertvolle Erfahrung.

Petrasch: Und man ist ja bereits durch die Regional- und Landeswettbewerbe gezwungen, das eigene Projekt zu erklären, bis hinzu den internationalen Wettbewerben, bei denen ich viele Kontakte knüpfen konnte. Jugend forscht öffnet Türen.

Gaisser: Schön ist auch die Unterstützung, die man während der Projektarbeit von anderen Wissenschaftlern erfährt.

Petrasch: Stimmt! Bei meinem ersten Projektdurfte ich riesige Teleskope in Hawaii und Australien nutzen. Die Wissenschaftlerdort waren sehr hilfsbereit, das klappte völlig unbürokratisch.

Gaisser: Ich habe im Sommerurlaub auf dem Campingplatz ein Mädchen kennengelernt, das sich für Jugend forscht interessiert. Wir stehen jetzt in Mailkontakt und ich gebe ihr Tipps beim weiteren Vorgehen. Die Hilfe, die ich damals erfahren habe, gebe ich heute weiter. Auch das ist der Geist von Jugend forscht.


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