Rede von Prof. Dr. Hans Joachim Langmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung E. Merck
Stiftung Jugend forscht e. V. | Mai 1989
24. Bundeswettbewerb Jugend forscht 1989 in Darmstadt
Herr Bundesminister, Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jungforscherinnen und Jungforscher,
die Würfel des 24. Bundeswettbewerbs hier in Darmstadt sind gefallen. Die Jury hat ihre Wertungen festgelegt, die Sieger und Plazierten sind bestimmt und werden gleich anschließend hier verkündet werden. Dazu will ich weiter gar nichts sagen, da dazu andere berufen sind. Ich möchte gerne - und das tue ich zu Ihnen gewandt, liebe Jungforscher, mit einem Lob der Neugier beginnen.
Die Neugier, im Deutschen eigentlich gar nicht so ein positives Wort, ist tatsächlich die Triebfeder aller Erkenntnis. Sie ist die Lenkerin unserer Sinne, der Mutterboden für das Fragen schlechthin, der Quälgeist, der nach Antworten verlangt. Und sie ist auch der Anfang aller Wissenschaft. Beruhigend und beunruhigend zugleich findet sie immer wieder Jünger, die ihrem Reiz nachgeben und sich auf die Suche nach Erkenntnis machen. So stelle ich mir vor, daß auch Sie eines Tages von diesem Eros des Wissenwollens gepackt wurden und ihm nachgaben, daß Sie begannen, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen, diese kritisch prüften und weiter fragten. So gerieten Sie in das geheimnisvolle Haus der Wissenschaft, stießen Türen auf, staunten über die ersten Räume, die Sie betraten und freuten sich an der gewonnenen Erkenntnis.
Sie haben recht daran getan. Das wird nicht immer leicht gewesen sein, denn Ihre Altersgenossen, Ihre Freunde und Freundinnen haben wohl doch manchmal den Kopf geschüttelt, wenn Sie nicht das übliche Vergnügen suchten, sondern die Freude am Gewinnen von Erkenntnissen. Und das, obwohl der Geist unserer Zeit ja oft recht lautstark zweifelt, ob denn wissenschaftliche Neugier überhaupt gestattet sei, da sie - wie das Horn des Jägers das Untier - unsägliche Gefahren mit den gefundenen Antworten herbeirufen könne, Gefahren, die zu groß für die Menschheit seien.
Nun, meine Damen und Herren, solche Gefahren, wenn es sie denn gibt, liegen nicht in den gefundenen Antworten auf gestellte wissenschaftliche Fragen, sondern in dem, was wir, die Menschen, damit anfangen und daraus machen wollen. Der Verzicht auf die Neugier ist keine Garantie für das Ausbleiben von Gefahren - beileibe nicht.
Aber sie ist ein Verzicht auf das Glück, Zusammenhänge zu verstehen, Gründe zu entdecken, Erkenntnis zu gewinnen, Wissen zu erlangen. Entgegen landläufiger Meinung sind die Naturwissenschaftler und die Technik immer noch unsagbar reich an Antworten auf noch nicht gestellte Fragen, an Wissensschätzen, die noch nicht gehoben, an Lösungen für Probleme, die noch nicht gefunden, an Zusammenhängen, die noch nicht gesehen wurden. Die Angst fixiert uns auf die Gefahr und macht uns blind für die Chancen. Alle wirklich großen Naturwissenschaftler haben eines Tages staunend vor dem unglaublichen Reichtum der Schöpfung, der Natur, den Gesetzmäßigkeiten der Welt gestanden und jene Demut gespürt, die mit großem Wissen einhergeht.
Lassen Sie sich also nicht irremachen, liebe junge Forscherinnen und Forscher. Fragen und Forschen ist nicht nur erlaubt und nicht verboten - es ist ausdrücklich erwünscht und notwendig. Nur das Suchen nach neuen Antworten bringt uns alle weiter. Ein Verzicht darauf würde dem Stillstand durch Versteinerung gleichen - und wer von uns möchte schon das Schicksal von Lots Weib freiwillig teilen.
Das Fragen und Forschen soll also weitergehen. In Naturwissenschaft und Technik haben Frage, Antwort und die Prüfung auf deren Plausibilität eine eigene Form entwickelt: das Experiment. Sie haben bei Ihrer Arbeit für Jugend forscht diese Form angewendet, haben apparative Anordnungen ersonnen, Instrumente eingesetzt, Beobachtungen gesammelt und den Weg gesucht, auf dem für Ihre Frage eine Antwort gefunden wurde, ohne daß Ihr jeweils subjektives Denken und Wollen darauf inhaltlich Einfluß nehmen konnte. Im Experiment beschritten Sie den Weg zur objektiven Erkenntnis.
Ich denke, Sie stimmen mir zu, daß das Experimentieren vor allem Spaß gemacht hat - bei aller Mühe natürlich. Auch ohne, daß Sie sich so hehre Gedanken um die Methode an sich gemacht haben. Das ist auch gut so. Doch bestimmt haben Sie große Freude empfunden, wenn ihre "Hypothese" vom Experiment bestätigt wurde - und umgekehrt großen Ärger und auch Sorge, wenn es anders war. Dann hieß es, neu anzufangen, andere Vorstellungen zu entwickeln, Abschied zu nehmen von Lieblingsmeinungen.
Indem Sie das, genau das taten und nicht die Flinte ins Korn warfen, kamen sie in einen anderen Genuß, den das Experiment als Methode vermitteln kann: Sie lernten, Ihr eigenes Tun, Ihre eigene Sicht der Dinge kritisch zu betrachten. Sie lernten, vorsichtig zu sein mit "Vor"urteilen. Und Sie lernten, daß jede Antwort neue Fragen auslöst, so daß Wissen nicht endet wie an einem Prellbock. Auf diese Weise wuchs allmählich in Ihnen ein Potential an Rationalität, das Ihnen weiterhelfen wird und das Sie nutzen sollten.
Jeder von uns weiß, daß Rationalität nicht den ganzen Menschen und nicht die ganze Wissenschaft ausmacht. Zum Forschen gehören außerdem mindestens noch Intuition, Fleiß und Glück. Aber für die Weiterentwicklung der Wissenschaft, der Gesellschaft, für die Lösung von Konflikten, Gefahrensituationen und weitreichenden Problemkomplexen ist Rationalität eine unverzichtbare Voraussetzung.
Wenn Sie uns, die Honoratioren dieser Feierstunde, näher betrachten, werden Sie feststellen, daß wir im Grunde schon ganz schön "alt aussehen". Sicher, wir machen es noch eine Weile - aber symbolisch ist unsere Hand mit der Fackel schon zu Ihnen ausgestreckt, damit Sie als die nächste Generation sie übernehmen. In Anlehnung an einen ähnlichen Spruch sind wir immer versucht zu sagen: "Trau keinem unter dreißig" - doch wenn wir Sie anschauen, möchten wir sagen: "Machen Sie weiter so und der Spruch gilt nicht!"
Vielen Dank und alles Gute für Ihren Lebensweg.

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