Das Wunder im Kleinen

Passion Zukunft | Mai 2015

Schon kurz nach der Wende fand der erste gesamtdeutsche Wettbewerb statt. Zu verdanken ist das "Machern" aus Ost und West – und einem gehörigen Schuss Begeisterung

1991: Elke Tröller beim Empfang durch Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn

"Ich habe nur gestaunt." In seiner Stimme liegt noch immer dieser ungläubige Ton, die Verwunderung über jene Tage im Mai 1991 in Würzburg: Peter Klausch war 17, als er am Bundeswettbewerb von Jugend forscht teilnahm – und aus Brandenburg. Denn es war nicht irgendein Jahrgang, der sich da in Bayern traf, sondern der erste seit der deutschen Vereinigung. "Ich begegnete zum ersten Mal Jugendlichen aus dem Westen", erinnert sich Klausch. Er war mit einer Arbeit über den Baumbestand in der Niederlausitz dabei, einer Region, die stark vom Braunkohletagebau gekennzeichnet ist. "Während der Preisverleihung wurde das Lied We are the Champions von Queen gespielt", erzählt Elke Tröller. Die gebürtige Baden-Württembergerin war damals als 15-Jährige dabei und siegte im Fach Chemie. "Das war genau unser Gefühl." Alles war möglich, alles konnte gelingen. Auch den Ostdeutschen.

Das große Wunder des Mauerfalls lag gerade mal anderthalb Jahre zurück, da sorgte Jugend forscht mit diesem Wettbewerb für ein Wunder im Kleinen: Gleich bei der ersten gesamtdeutschen Austragung nahmen Landessieger aus allen fünf neuen Bundesländern teil. Und zwar in allen sieben Fachgebieten. Gleichzeitig spiegelten die Teilnehmerzahlen die neue Bevölkerungsstruktur ausgewogen wider: Ein Drittel der Anmeldungen kam aus dem Osten, zwei Drittel aus dem Westen. Ein glänzender Start, umso bemerkenswerter, als 1991 eine bewegte Zeit war, in der noch alles im Umbruch war, manches nicht mehr funktionierte, aber vieles einfach ging.

Ungeheurer Tatendrang

Die Voraussetzungen für den Start von Jugend forscht in den neuen Bundesländern waren sehr gut, hatte es in der DDR doch bis dahin eine systematische Begabungsförderung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich gegeben: zum einen "Stationen junger Naturforscher und Techniker", ein staatlich geförderter Treffpunkt, an dem Kinder und Jugendliche nachmittags, am Wochenende oder in den Ferien experimentieren konnten, zum anderen die naturwissenschaftlich-mathematischen Spezialschulen. Wer dort als Schüler sein Interesse fürs Forschen entdeckt hatte, war nach der Wiedervereinigung ein geeigneter Kandidat für Jugend forscht.

"Schon im März 1990 haben wir die Betreuer aus den ostdeutschen Stationen und aus der Begabtenförderung der DDR-Bezirke nach Berlin eingeladen, um ihnen Jugend forscht vorzustellen", erinnert sich Uta Krautkrämer-Wagner, langjährige Geschäftsführerin der Stiftung Jugend forscht e. V. und damit so etwas wie die Mutter dieses Erfolgs. Doch die Betreuer mussten das neue System der Nachwuchsförderung erst einmal kennenlernen. Das Interesse war groß. Die Teilnehmer wählten Vertreter aus ihrer Mitte, die jeweils für ein Bundesland zuständig waren. Sie übernahmen die Aufgabe, Jugend forscht dort bekannt zu machen und die Wettbewerbsstrukturen aufzubauen. Jeder Beauftragte bekam einen erfahrenen Landeswettbewerbsleiter als Berater zur Seite gestellt. "Gleichzeitig mussten Unternehmen für die Ausrichtung der Wettbewerbe gefunden werden", so Krautkrämer-Wagner. "Zwar interessierten sich einige Kombinate, aber häufig fehlte das Geld. Hier fand die Geschäftsstelle Firmen aus den alten Bundesländern, die finanzielle Unterstützung zusagten." Ende September 1990 titelte der Bonner Generalanzeiger: "Deutsche Einheit bei Jugend forscht" – da stand die politische Vereinigung noch vor der Tür. Und bereits im März 1991 fanden in allen fünf neuen Bundesländern Landeswettbewerbe statt. "Im Nachhinein staune ich selbst, wie schnell und gut es uns gelungen ist, die Wettbewerbsstrukturen auf die neuen Bundesländer zu übertragen", so Krautkrämer-Wagner. UKW, wie sie bei Jugend forscht von allen liebevoll genannt wird, erhielt für ihre Verdienste um die innerdeutsche Integration später das Bundesverdienstkreuz

In Sachsen-Anhalt wird Elke Fritzlar erste Landeswettbewerbsleiterin. "Ich war sofort begeistert von Jugend forscht", erinnert sie sich an die ersten Begegnungen. Sie kommt aus der Begabtenförderung in Magdeburg, kennt Betriebe, Lehrer und Schüler – ein großer Vorteil, als es darum geht, den Wettbewerb in die neuen Länder zu tragen. In ihrer neuen Funktion macht sie sich sofort an die Arbeit, sucht Lehrer als Betreuer, Patenfirmen für die Wettbewerbe, motiviert, erklärt, organisiert. Das größte Problem sei gewesen, Unternehmen zu finden, die bereit waren, eine Patenschaft zu übernehmen: "Nach der Wende wusste ja keiner, wie es mit den Betrieben weitergeht", so Fritzlar. Durch den ungeheuren Tatendrang, der diese Zeit prägt, und ein wenig wohl auch wegen ihrer Hartnäckigkeit gelingt es schließlich, einen Sponsor für den ersten Landeswettbewerb zu finden einen Schwermaschinenbauer aus Magdeburg, einem der größten Unternehmen im Osten. 1994 findet in Sachsen-Anhalt sogar der Bundeswettbewerb statt – es ist der erste in den neuen Bundesländern.

Ossi, Wessi? Zweitrangig

Mittlerweile hat sich Thüringen als eine Vorzeigeregion von Jugend forscht etabliert: Aus keinem anderen ostdeutschen Bundesland kommen mehr Teilnehmer, bis heute sind es knapp 9 500. Insgesamt waren seit der ersten gesamtdeutschen Wettbewerbsrunde rund 26 500 Jungforscher aus den neuen Bundesländern bei Jugend forscht dabei. Aus welcher Region ein Teilnehmer stammt, ist unter ihnen längst kein Thema mehr.

Dieser Geist keimte schon damals, kurz nach der Wende auf. Wer heute Alumni aus dem Jahr 1991 nach ihren Eindrücken und Erinnerungen fragt, hört viel von der damaligen Begeisterung, auf gleichgesinnte Jugendliche mit ähnlichen Interessen zu treffen. Mauerfall, Wiedervereinigung, Ossi, Wessi? Spielte schon damals kaum eine Rolle. Was zählte, war eher die Faszination fürs Forschen. Eines fiel allerdings auf, erinnert sich Robert Nitzschmann, Physik-Bundessieger 1991: "Die Mädchen aus dem Osten waren emanzipierter." Das faszinierte ihn. Und so besuchte er nach dem Wettbewerb eine Teilnehmerin in Dresden. "Und das war Anfang der 1990er wirklich noch ein großes Abenteuer."


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