Ansprache des Bundesforschungsministers Dr. Heinz Riesenhuber

Stiftung Jugend forscht e. V. | Mai 1988

Feierstunde zur Siegerehrung des 23. Bundeswettbewerbs „Jugend forscht“ in Friedrichshafen am 9. Mai 1988

Dr. Heinz Riesenhuber bei der Preisübergabe 1988

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, in diesem Jahr als Kuratoriumsvorsitzender und als Vertreter unserer Bundesregierung heute in Friedrichshafen an der Ehrung der Bundessieger des 23. Wettbewerbs "Jugend forscht" teilnehmen zu können. Friedrichshafen ist ein besonders klug gewählter Ort, um eine solche Ehrung vorzunehmen: gerade die Gebrüder Dornier haben von hier aus entscheidende Impulse in der Luftfahrt gegeben, sozusagen "beflügelt" von einem Erfindergeist, der sie schon in jungen Jahren zu neuen Forschungsufern aufbrechen ließ!

Sie sind hier, meine lieben jungen Freunde, in einem der schönsten Winkel unserer Heimat, von der Viktor von Scheffel sagte: "Hier ist vom Weltbauherrn ein Meisterstück geschehen." Was in der Geistesgeschichte, in Literatur und Kunst und auch in diesem Jahrhundert in Wissenschaft und Technik hier geschah - von Heinrich Suso, dem Mystiker, bis Hugo Eckener, dem Zeppelinfahrer, von den Künstlern und Baumeistern Hugo Thumb und Balthasar Neuman bis hin zu Annette von Droste-Hülshoff, Hermann Hesse und Otto Dix - dies sollte auch für Sie Anregung, Ansporn, Boden für Kreativität sein.

Seit Bestehen des Wettbewerbs "Jugend forscht" ist dieses Jahr das größte Teilnehmerfeld zu verzeichnen. Besonders erfreulich ist die Tatsache, daß sich dabei auch die Zahl der teilnehmenden Mädchen von 23 auf 27 Prozent erhöht hat. Das Interesse der Mädchen an Technik und Forschung hat also zugenommen. Wir müssen alles tun, um diesen positiven Trend zu stützen und auch weiter zu verstärken. Hier gilt es, in die Zukunft zu investieren: Es gibt überhaupt keinen Grund, der die Annahme rechtfertigt, das Frauen mit den Herausforderungen neuer Techniken nicht genauso fertig werden wie ihre männlichen Kollegen. Wenn wir uns die Entwicklung der Arbeitswelt betrachten, stellen wir gerade einen Rückgang der schweren und belastenden physischen Arbeiten fest, während die Arbeiten, die Intelligenz, Fingerspitzengefühl und Kreativität erfordern, zugenommen haben. Dies sind alles Eigenschaften, die Frauen und Mädchen nicht fremd sind!

Hinzu kommt, daß die Zahl derjenigen Frauen, die ihr eigenes Geld verdienen, steigt. 1986 waren über 53 Prozent aller Frauen zwischen 15 und 65 Jahren berufstätig. Zehn Jahre vorher waren es nur 48 Prozent.
Von den etwa zehn Millionen erwerbstätigen Frauen arbeiten 55,5 Prozent als Angestellte, 28,8 Prozent sind Arbeiterinnen, 5,8 Prozent helfen im Familienbetrieb mit, 5,3 Prozent sind Selbständige und 4,6 Prozent sind als Beamtinnen tätig. Diese Zahlen werden auch in Zukunft zunehmen. Das bedeutet gleichzeitig, daß bei wachsendem Einsatz von neuen Technologien immer mehr Frauen diesen am Arbeitsplatz begegnen werden.

Gerade für Mädchen darf es deshalb heute nicht heißen: "High-Tech - Nein, danke!" Im Gegenteil - auch die Mädchen müssen sich mit dieser Materie befassen, wenn sie sich nicht eine Menge Zukunftschancen verbauen wollen. Für Berufe in Naturwissenschaften und Technik sind die Aussichten gut, dagegen nicht die Zahl der Arbeitsplätze im Kultur- und Sozialbereich.

Es gibt keinen Grund, warum Mädchen zum Beispiel nicht mit dem Computer umgehen sollen. Ich bin froh, daß sich auch hier die Einstellung, der Computer sei - ähnlich der Modelleisenbahn - reine Jungensache, gewandelt hat. Mädchen müssen genauso wie Jungen mit den neuen Techniken umgehen. Sie können dies auch, müssen es nur als ihre Aufgabe begreifen. Mir ist dabei klar, daß der Anstoß zu diesem "Sinneswandel" nicht staatlich verordnet werden kann. Wir können hier nur Signale geben, indem wir z. B. auch Astronautinnen ausbilden!

Dazu gehört zunächst einmal die persönliche Bereitschaft, das Neue, das unsere Umgebung zunehmend mitgestaltet, auszupacken. Dazu gehört aber auch die Bereitschaft der Eltern, Anregungen zu geben und den Umgang mit Naturwissenschaften und Technik attraktiver zu machen, Hemmungen abzubauen, mit alten Vorurteilen aufzuräumen.

Hinzu kommen muß daher auch die Bereitschaft von Industrie und Wissenschaft, sich mit ihren technischen Anwendungsfeldern noch weiter als bisher nach außen zu öffnen. Es besteht hier eine Bringschuld des Wissenden gegenüber allen Jugendlichen, Jungen und Mädchen. Ich meine, daß sich auch die Unternehmen noch intensiver als bisher um Mädchen und Jungen kümmern müssen, damit technisches Interesse geweckt wird. Informationsveranstaltungen für Schülerinnen und Schüler im Betrieb sind z. B. eine Möglichkeit. Instruktives Material für den Unterricht bzw. die Lehrer - nicht unbedingt Hochglanz! - kann meines Erachtens den Weg zum Umgang mit Naturwissenschaften, mit Technik sehr gut ebnen. Ich sehe nicht ein, ja ich meine, unser von Innovationen und Kreativität so abhängiges Land kann es sich gar nicht leisten, daß auf die Dauer fast die Hälfte der heranwachsenden Bevölkerung von vorneherein nicht an Forschung und Wissenschaft beteiligt ist, nur weil sie nicht dem sogenannten starken Geschlecht angehört. Dies muß auch nicht so sein. Als wir im Bundesforschungsministerium die Astronautenstelle ausschrieben, war von den 1700 Bewerbern jeder fünfte eine Frau. Das ist schon ganz gut! Mit von den fünf in der Ausbildung befindlichen Astronauten, sind, wie Sie wissen, zwei Frauen.
Auch die Wissenschaft, sprich die Universitäten, können in diesem Bereich noch zulegen. Ein "Tag der offenen Tür" ist keineswegs dem Werkzeugmaschinenunternehmen vorbehalten! Auch der Fachbereich Physik oder Chemie einer Universität kann beispielsweise einmal pro Semester seine Pforten speziell interessierten Schülerinnen aus Leistungskursen öffnen, sich besonders hierauf vorbereiten und mit wirklich praxisnahen Beispielen aufwarten. Wir dürfen nicht nur stolz sein auf unsere Spitzenwissenschaftler, wir müssen auch gerade der Jugend zeigen, welchen praktischen Nutzen und welche Bedeutung neue Techniken für die Zukunft haben.

Der Umgang mit den neuen Technologien, insbesondere mit Computern, muß Spaß machen, neue Perspektiven eröffnen und kann jungen Menschen nicht gleichsam per Verordnung sympathisch gemacht werden. In diesem Zusammenhang begrüße ich die gemeinsame Initiative der Stiftung "Jugend forscht" und einer großen Frauen-Zeitschrift, Mädchen und Naturwissenschaften einander näher zu bringen. Viel Erfolg bei dieser Aktion!

Aber auch der Wettbewerb selbst trägt eine Menge dazu bei, Wissenschaft und Technik jungen Menschen näher zu bringen. Dieser Wettbewerb ist eine ideale Möglichkeit, die Phantasie und die Kreativität junger Leute anzuregen und sie an die Erarbeitung von Gestaltungsmöglichkeiten zukünftiger Aufgaben heranzuführen. Eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben unserer Gesellschaft ist es, den Wert wissenschaftlicher Forschung und Arbeit zu vermitteln. Neue Techniken können zum Beispiel in vielfältiger Form dazu beitragen, die Voraussetzungen und Handlungsspielräume für die Umweltpolitik zu verbessern, indem sie durch eine systematische, interdisziplinäre und medienübergreifende Forschung ökologische Zusammenhänge und kausale Ursachen-Wirkungsketten aufklären und umweltfreundliche Technologien insbesondere bei industriellen Produktionsprozessen entwickeln und bis zur Anwendungsreife vorantreiben. Der Schutz in der Umwelt ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. Es gilt, unsere Umwelt als Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen in ihrer Gemeinschaft für künftige Generationen zu erhalten - eine Aufgabe, für die wir ständig neue Ideen und Lösungen brauchen. Gleichzeitig eine lohnende und begeisternde Aufgabe, der sich gerade junge Forscher widmen sollten.

Die ist nichts für Aussteiger; mitzumachen bei der Gestaltung unserer Zukunft bedeutet viel Einsatz von Energie und Fleiß, eine gehörige Portion Selbstdisziplin, jede Menge Ausdauer und Zeit, um immer wieder neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei liegt die Erkenntnis nicht immer in der richtigen Antwort, sondern häufig in einer neuen und wegweisenden Frage. Dies ist nicht immer befriedigend: aus meiner Studienzeit kenne ich das Gefühl, wenn man z. B. am Ende einer chemischen Analyse nicht das erwartete Ergebnis, sondern ausschließlich neue Fragen vorfindet. Aber gerade darin liegt der Reiz: nicht aufzugeben, weiterzutüfteln und auch den neuen Problemen nachzugehen!

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger, wir können die Zukunft gemeinsam gestalten. Sie ist noch längst nicht fertig - sie liegt in Ihren Händen. Mit Ihren Forschungsarbeiten haben Sie einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Zukunft getan - für sich und für die Forschung! Ich wünsche mir, daß Sie diesen Weg weiter beschreiten und wir gemeinsam die Probleme der Zukunft anpacken und sie aktiv und verantwortungsvoll lösen werden - zur Erhaltung einer verletzlichen Umwelt, zum Wohle der kommenden Generationen.

Allen Teilnehmern und insbesondere den Siegern des 23. Bundeswettbewerbs "Jugend forscht" gratuliere ich heute sehr herzlich zu Ihrem Erfolg. Gleichzeitig möchte ich zur neuen, zur 24. Runde aufrufen: Alle Jugendlichen zwischen 10 und 22 Jahren haben die Möglichkeiten, bei "Schüler experimentieren" bzw. "Jugend forscht" mitzumachen. Nutzen Sie diese Chance!

Der nächste Bundeswettbewerb findet im Mai 1989 in Darmstadt statt und wird von der Firma Merck und der Stiftung "Jugend forscht" ausgerichtet.

Wir hoffen auf viele Teilnehmer, noch mehr Mädchen und viele Arbeiten mit dem wachen Gegenwarts- und Problembewußtsein wie in diesem Jahr.

Ich danke dem diesjährigen Veranstalter MTU sowie dem Veranstalter des nächsten "Jugend forscht"-Wettbewerbs, der Merck AG aus Darmstadt!


  •  2 Klicks für mehr Datenschutz: Erst wenn Sie den Schalter aktivieren, wird der Button aktiv und Sie können Ihre Empfehlung an ShareNetwork senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte übertragen.
  •  
  •  
  •  
  • Zum Seitenanfang