Die philosophische Seite von Buteo buteo

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2006

Oliver Krüger – 5. Preis Biologie 1991

Oliver Krüger

Er verbringt 10.000 Stunden Auge in Auge mit Habicht und Mäusebussard. Oliver Krüger kraucht durchs Unterholz im Teutoburger Wald, kartiert Reviere, zählt gerupfte Mäuse, beschattet Mäusebussard und Habicht und bringt das Konkurrenzverhalten der beiden Greifvogelarten in jene mathematische Form, die er die "Rupfungsdichtefunktion" tauft. Nebenbei sammelt der Jungforscher wo er geht und steht Waldbewohner auf, die das Zeitliche gesegnet haben, und transportiert sie aus den ewigen Jagdgründen in sein Zimmer hinauf, um sie zu Forschungszwecken auszustopfen. Das hat er sich selbst beigebracht. Lachend zeigt er die "Nullserie": Seine ersten Stopf-Opfer, die recht seltsam verrenkt vom Regal stieren.

Als Oliver Krüger sich das erste Mal bei Jugend forscht anmeldet, beschäftigt er sich schon sieben Jahre mit "seinen" Vögeln. Kein Wunder, dass so viel Fleiß und Ausdauer bei Jugend forscht zum ganz großen Sieg gereichen. 1991 belegt der erst 16-Jährige den fünften Platz beim Bundeswettbewerb in Würzburg mit seiner Arbeit zu "Revierverhalten und Nahrungsökologie von Buteo Buteo", dem Mäusebussard. Um die Komponente "Habicht" erweitert, wird aus der sehr guten eine herausragende Arbeit. 1994 wird Oliver Krügers Forschung zum Konkurrenzverhalten beider Greifvogelarten mit dem ersten Platz im Fachgebiet Biologie ausgezeichnet. Die Jury lobt in ihrer Laudatio die umfangreiche Datenmenge und die allgemeine Bedeutung des Projekts für Arten- und Naturschutz. Oliver gewinnt einen fünfwöchigen Forschungsaufenthalt in den USA, den die Bundesregierung finanziert. International findet seine Arbeit beim European Contest for Young Scientists in Luxemburg Beachtung – auch hier wird es der erste Platz.

Oliver Krügers Forschergeschichte beginnt mit neun Jahren. Da kurvt er mit seinem Rad in den Wald bei Werther in Westfalen und beobachtet Tiere. Nur die verflixten Greifvögel sind zu schnell für ihn. Und so packt ihn der Ehrgeiz, etwas über sie zu erfahren. 20 Habicht- und 45 Mäusebussardpaare wird er entdecken, wird wissen, wo sie nisten, jagen, wann sie brüten, und wird schließlich herausfinden, was selbst Profi-Forscher nicht wissen: Durch die Zersiedlung werden Brut-Biotope zerstört, so dass die beiden Arten miteinander konkurrieren müssen. Und zwar nicht, wie bisher angenommen, um Horstplätze, sondern um Jagdbiotope. Je aktiver der Habicht jagt, desto geringer ist der Bruterfolg des Bussards.

Bis heute lässt ihn Buteo Buteo nicht los. Oliver Krüger studiert Biologie in Bielefeld, ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und erwirbt in Oxford einen Master in Science. Die Promotion folgt darauf in Deutschland, und wieder spielen dabei die Greifvögel eine Rolle. Hinzugekommen ist in letzter Zeit allerdings eine weitere Spezies: der Kuckuck. Schon im ersten Semester des Studiums verbringt er mehrere Monate in einem Wildschutzreferat in Uganda und erforscht die dort heimischen Vögel. Seine Erkenntnisse werden bestätigt und Oliver Krüger wird zum Koordinator des Referats ernannt. Für das zoologische Institut der University of Cambridge umfasst sein zweites Betätigungsfeld seitdem den Brut-Parasitismus südafrikanischer Kuckucksarten.

Aller Beschäftigung mit Vögeln zum Trotz: Oliver Krüger ist einer, der seine Blicke weit aus dem Wald hinausschweifen lässt, der mit verschiedensten Interessen jongliert. Und so plaudert er vom Bundessiegertreffen mit dem damaligen Kanzler Kohl, vom Jagdstress des Mäusebussards, vom Badmintonspiel, das er liebt, oder dem Begriff des "Seins" bei Heidegger. "Gerade als Biologe will ich Verbindungen herstellen, denn oft sind biologische zugleich auch philosophische Fragen", sagt er. Kein Thema, in das er nicht abtauchen könnte, kein Gedanke, den er für verschwendet hält. Der beste Beweis: Oliver Krüger hat noch einen weiteren Universitätsabschluss in der Tasche, studiert an der Fernuniversität Hagen Philosophie, Politologie und Soziologie. Und eine gesunde Einstellung zum ewigen Forscher-Klischee hat er auch: Als sich der Redakteur einer Berliner Talkshow im Vorgespräch erkundigt, ob er denn eine Brille trage, antwortet der gut aussehende Nachwuchswissenschaftler: "Ja, ja, natürlich. Und Pickel habe ich auch."


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