Chemie und fremde Kulturen

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2015

Eike Gerhard Hübner – Bundessieger Chemie 1997

Eike Gerhard Hübner

Deutschland, Niederlande, Malaysia, Singapur, Deutschland, Schweiz und dann wieder Deutschland - das sind die Stationen, die Eike Gerhard Hübner gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester im Laufe seiner Kindheit und Jugend absolviert. Alle zwei bis drei Jahre ein neuer Wohnort, eine andere Kultur, neue Eindrücke und Erfahrungen. Die Kehrseite der Medaille: Er muss sich in relativ kurzen Abständen von alten Freunden verabschieden und neue Freundschaften aufbauen. Da rückt die Familie zunehmend in den Mittelpunkt, denn sie bleibt die Konstante im Leben des weit gereisten Jungen. Und mit der Familie hat er wirklich Glück. Die Eltern nehmen regen Anteil an den Interessen ihres Sprösslings. Der hat Freude am Experimentieren in die verschiedensten Richtungen. So freut sich Eike denn auch immer außerordentlich, wenn auf dem Geburtstags- oder Weihnachtstisch ein Kosmos-Experimentierkasten steht. Es geht weiter. Der Keller wird zum Labor umfunktioniert, um chemische Experimente durchzuführen. "Das ging oftmals nicht ohne Geruchsbelästigung ab", lobt Hübner rückblickend die Toleranz seiner Familie.

Den richtigen Durchbruch schafft er schließlich mit Unterstützung seines Chemielehrers am Bismarck-Gymnasium in Elmshorn: "Herr Hurst hat mir in der Chemie-AG viele Anregungen gegeben. Von ihm bekam ich den Tipp, bei der Chemie-Olympiade und schließlich auch bei Jugend forscht mitzumachen", erinnert sich Hübner. 1996 erringt Eike Hübner auf Anhieb den Bundessieg im Fachgebiet Chemie. Er entwickelt einen Aushärtungsindikator für Knochenzement, den Chirurgen für die Positionierung von künstlichen Knochengelenken verwenden können. Sein Klebstoff reagiert kurz vor dem Aushärten mit einer anderen Substanz, die dann ihre Farbe ändert. Der behandelnde Arzt, der bislang nur "nach Gefühl" die Gelenkjustierung vornehmen kann, weiß nun genau, wann ihm dafür noch rund 20 Sekunden bleiben.

Angespornt durch seinen Erfolg beim 31. Bundeswettbewerb forscht der junge Mann weiter. Wieder geht es um einen Kunststoff, der zur Fixierung dient. Hübners Ziel ist es, temperaturbedingte Beschädigungen beim Anlöten von Mikrochips auf die Platine zu vermeiden. Ihm gelingt die Entwicklung eines leitfähigen Kunststoffes, der den Einsatz von Lötzinn ersetzen soll. Mit diesem Projekt überzeugt er die Jury bei Jugend forscht erneut. Auch 1997 erringt er in Chemie Platz eins. Zusätzlich erhält er den Sonderpreis des Bundespräsidenten für die außergewöhnlichste Arbeit. Im selben Jahr gewinnt das Chemie-Talent zudem den "European Union Contest for Young Scientists" in Mailand. Als Anerkennung dafür darf der 17-Jährige zur Verleihung des Nobelpreises nach Stockholm reisen. Bei dieser Auslandsreise helfen ihm chemische Formeln wenig, denn dort kommt es vor allem auf gesellschaftliche Umgangsformen an: Drei Stunden lang wird Eike Hübner mit anderen jungen Gästen auf das Bankett mit König Gustav XVI. und den weltbesten Wissenschaftlern vorbereitet. Alles kein Problem für das Chemie-Ass, der dieses Ereignis in Schweden schon jetzt als unbedingten Teil seiner Memoiren bezeichnet.

Wie aber geht es weiter mit Eike Hübners vielversprechenden Kunststoff-Erfindungen? Das Innovationszentrum Itzehoe (IZET) und das Itzehoer Fraunhofer Institut für Siliziumtechnologie (ISIT) bieten dem erfolgreichen Schüler fachkundige Unterstützung an, "um den Forschergeist an die Region zu binden und zu fördern", so der IZET-Geschäftsführer Dr. Ingo Hussla. Hübner, der seinen Spezialkunststoff zum Patent anmeldet, erlaubt zwei großen Firmen, einige sehr aufwendige Materialtests durchzuführen. "Das waren alles Prüfungen, die man zu Hause nicht machen kann", so der Kommentar Hübners. Auf eine Vermarktung seiner Produkte verzichtet der Jungforscher am Ende jedoch vollkommen - und das nach wie vor ohne Reue. "Dazu fehlte mir Zeit, Wissen und Geld. Mein Wunsch war es, mehr zu lernen. Ich wollte unbedingt mein Chemiestudium beginnen", begründet er seine Entscheidung. An der Universität legt er den Turbo ein, denn seine Ergebnisse bei Jugend forscht machen es Hübner möglich, das Grundstudium an der Uni Konstanz um zwei Semester zu verkürzen. Nur sechs Semester bis zum Beginn der Diplomarbeit. Und schon im August 2002 hat er seinen Abschluss in der Tasche. Seitdem arbeitet er konsequent an der nächsten Stufe seiner wissenschaftlichen Laufbahn, der Doktorarbeit. Um auch dieses Ziel in trockene Tücher zu bringen, muss er noch einen Umzug auf sich nehmen: Er folgt seinem Doktorvater - wie zwei andere Mitarbeiter aus seinem Team - an die Uni Erlangen und promoviert dort im Jahr 2008. Im Anschluss erhält er eine Postdoc-Stelle am Forschungszentrum in Jülich, zieht allerdings bereits 2010 weiter nach Clausthal-Zellerfeld, wo er eine Stelle als Juniorprofessor an der Technischen Universität antritt.

Angesprochen auf die Bedeutung von Jugend forscht für seinen Werdegang, formuliert Eike Hübner spontan und klar: "Der Wettbewerb und meine Erfolge dort haben meine weniger zielgerichteten Schülerinteressen in konkrete Berufsinteressen verwandelt. Nun wusste ich, was ich in jedem Fall studieren wollte." Doch Hübner nimmt nicht nur, er gibt auch zurück, denn Schülerwettbewerbe leben vor allem auch vom freiwilligen Engagement. Aus diesem Grund ist er beispielsweise als Jurymitglied beim EU-Contest 2003 mit dabei.


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