Die Bilderbuchkarriere des Chemikers Stefan Hecht

Jugend forscht Alumni News | Juli 2008

Mit 17 Jahren nahm der Berliner Stefan Hecht 1991 zum ersten Mal bei Jugend forscht teil. Auf Anhieb gelang ihm der Landessieg. Zwei Jahre später belegte er Platz vier auf Bundesebene. Mit gerade einmal 30 Jahren nahm ihn die Zeitschrift „Technology Review“ des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in ihre Liste der weltweit 100 TOP-Innovatoren auf. Als Hecht 2006 Professor für organische Chemie und funktionale Materialen an der Berliner Humboldt-Universität wurde, war er der jüngste Lehrstuhlinhaber seines Fachs in Deutschland. Jugend forscht Alumni News sprach mit dem Preisträger von 1993

Alumni News: Mit Jugend forscht beginnt die Auflistung von Auszeichnungen und Preisen in Ihrem Lebenslauf: 1991 haben Sie den Landessieg in Chemie errungen, zwei Jahre später den 4. Platz beim Bundeswettbewerb im selben Fachgebiet. Ist es richtig zu sagen, mit Jugend forscht fing alles an?

Professor Stefan Hecht: Jugend forscht war mit Sicherheit ein erster wichtiger Karrierebaustein in meinem Lebenslauf. Das Interesse für Naturwissenschaften wurde jedoch durch meinen Physiklehrer geweckt, der sich hinreißend um uns Schüler gekümmert hat und uns für die gesamten Naturwissenschaften begeistern konnte. Auf diese Weise bin ich 1988 im damaligen Ost-Berlin, also noch vor der Wende, zur Teilnahme an der Naturwissenschaftlichen Schülergesellschaft gekommen. Dort haben wir alle zwei Wochen wissenschaftliche Vorträge gehört, aber auch die Möglichkeit gehabt, praktisch im Labor zu arbeiten. Meine erfolgreiche Teilnahme an einer Art Chemie-Olympiade hat mir zudem noch eine „Einzelförderung“ beschert: Ich durfte als Schüler in der Arbeitsgruppe eines Hochschullehrers an der Uni forschen. Das war eine wichtige Erfahrung. Ich habe mich dann entschlossen, mit meinem Forschungsprojekt bei Jugend forscht mitzumachen. Und ohne den Preis, den ich beim Jugend forscht Wettbewerb bekommen habe, wäre ich nicht in die Studienstiftung aufgenommen worden. Auch daraus hat sich wieder etwas Entscheidendes ergeben: Durch Kontakte, die ich über die Studienstiftung gewonnen hatte, erhielt ich die Gelegenheit, während meines Chemiestudiums in Berlin ein Studienjahr an der Universität von Berkeley in den USA zu verbringen. Dort habe ich dann meine Diplomarbeit geschrieben und später auch meine Doktorarbeit angefertigt. So kann ich sagen, dass ein Baustein zum anderen kam und sich alles gut zusammengefügt hat.

Alumni News: Wie sieht ihre Arbeit am Institut für Chemie an der Humboldt-Universität aus?

Professor Stefan Hecht: Ich leite eine Gruppe von knapp 20 Mitarbeitern und bin mit Forschung, Lehre und eben auch einer Vielzahl administrativer Tätigkeiten gut ausgelastet. In unserer Forschungsarbeit suchen wir nach chemischen Ansätzen, wie man im Nanokosmos kleinste Strukturen aufbaut, die dann aufgrund ihrer winzigen Größe neue Funktionen besitzen. Neben der eigenen Forschung liegt mir sehr am Herzen, das Ansehen unseres chemischen Instituts sowohl national als auch international zu stärken.

Alumni News: Was ist das Ziel Ihrer Forschung?

Professor Stefan Hecht: Ich möchte nicht planlos erscheinen, aber ein Leitmotiv meiner Forschung ist es, frei nach dem berühmten Motto „to go where nobody has gone before“ von Captain Kirk’s Raumschiff Enterprise, neue stoffliche Zusammensetzungen zu entdecken. Der Schlüssel hierzu ist vor allem meine Neugier, die ich für die notwendigste Grundeigenschaft aller Forscher halte. Dazu braucht es dann noch ein Quäntchen Glück und Zufall sowie vor allem die Fähigkeit, die Bedeutung einer Entdeckung zu erkennen – alles in allem ein großes Puzzle, aber vor allem ein wunderbares Vergnügen!

Alumni News: Wo können Ihre Forschungsergebnisse angewendet werden?

Professor Stefan Hecht: Wie bereits angesprochen betreibe ich vor allem von Neugier getriebene Grundlagenforschung, aber ich kann nicht leugnen, dass ich auch an einer Anwendung meiner Forschungsergebnisse interessiert bin. So konzipieren wir in Zusammenarbeit mit Physikern an der Freien Universität Berlin neue Wege, um einmal eine molekulare Elektronik mit Drähten und Schaltern auf Basis maßgeschneiderter Moleküle zu realisieren. In anderen Projekten geht es um intelligente Materialien, deren Eigenschaften sich durch Licht gezielt verändern lassen.

Alumni News: Forschen und lehren – zwei sicherlich ganz unterschiedliche Tätigkeiten in Ihrem Berufsleben. Was macht Ihnen mehr Spaß?

Professor Stefan Hecht: Ich mache beides sehr gerne. Die Lehre und der Kontakt zu den Studenten bereiten mir viel Spaß. Als besonders anregend empfinde ich dabei die Arbeit mit meinen Diplomanden und Doktoranden, bei der ich Forschung und Lehre wohl am intensivsten verknüpfen kann. Denn natürlich schlägt mein Herz für die Forschung und ich hoffe, dass es mir gelingt, meine Begeisterung für die Forschung an die Studierenden weiterzugeben. In letzter Zeit wünsche ich mir häufig, mehr Zeit für Forschung und Lehre zu haben und stattdessen weniger Stunden für administrative Dinge aufwenden zu müssen.

Alumni News: Im Oktober 2006 erhielten Sie den Ruf auf den Lehrstuhl für organische Chemie und funktionale Materialen an der Humboldt-Universität Berlin. Sie waren damals mit 32 Jahren der jüngste Lehrstuhlinhaber im Fach Chemie in Deutschland. Wie haben Sie es geschafft, so früh in eine solche Position zu kommen?

Professor Stefan Hecht: Ich konnte bereits mit 18 Jahren beginnen zu studieren, da ich mein Abitur nach zwölf Jahren abgelegt hatte und vom Zivildienst zuerst zurückgestellt und später freigestellt wurde. Dadurch habe ich viel Zeit gespart. Nach weiteren fünf Jahren hatte ich mein Diplom in der Tasche, mit 27 Jahren habe ich dann meinen Ph.D., also den Doktortitel, erworben. Ich bin damals gleich im Anschluss an die Promotion zurück nach Deutschland gekommen, um meine eigene Arbeitsgruppe an der Freien Universität Berlin aufzubauen. Dort war ich drei Jahre lang tätig. Nach einem anschließenden knapp zweijährigen Aufenthalt am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr erhielt ich dann den Ruf auf den Lehrstuhl an der Humboldt-Universität. Sie haben also Recht: Es ging alles sehr schnell und zeigt damit, was heutzutage für junge Forscher alles möglich ist.

Alumni News: Seit 2004 gehören Sie zu den 100 TOP-Innovatoren der Welt. Damals zeichnete Sie das Magazin „Technology Review“ des renommierten MIT als jungen Wissenschaftler aus, dessen innovative Forschungs- und Entwicklungsarbeit einen wesentlichen Anteil an neuen Technologien der Zukunft haben wird. Was sind für Sie die wichtigsten Voraussetzungen für Innovationen?

Professor Stefan Hecht: Interdisziplinäres Denken und die Fähigkeit zur Kommunikation sind nach meinem Verständnis dafür unabdingbar. Wenn es beispielsweise um die Entwicklung innovativer neuer Produkte geht, sollten diejenigen, die an der Entwicklung interessiert sind, mit einem übergreifenden naturwissenschaftlichen Grundverständnis ausgestattet sein, um ihre Aufgabenstellung den jeweiligen Wissenschaftlern zu vermitteln. Gleichzeitig sollten die Wissenschaftler sich des Öfteren auch einmal von Anwendern geistig inspirieren lassen. Häufig warten die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die es für die Produktentwicklung bräuchte, nur auf ihre (Wieder-)Entdeckung. Das Problem ist nur, dass selten die richtigen Leute zusammenkommen oder dass der Informationsaustausch oftmals miserabel funktioniert.

Alumni News: Wie beurteilen Sie die Forschungsbedingungen für Naturwissenschaftler in Deutschland?

Professor Stefan Hecht: In Deutschland verfügen wir im europäischen Vergleich klar über die besten Bedingungen. Wir haben ein relativ gutes Schulsystem, das uns noch immer gute Studenten beschert. Wir haben mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine hervorragende Forschungsförderinstitution und mit der Max-Planck-Gesellschaft eine wissenschaftliche Einrichtung mit internationaler Strahlkraft. In einigen Bereichen allerdings haben wir den Anschluss verpasst beziehungsweise „gesündigt“. So halte ich nicht viel von den neuen Studienabschlüssen, die uns politisch europaweit übergestülpt wurden. In den Naturwissenschaften kann mit Bachelor und Master ein umfassendes Wissen und Verständnis nicht sichergestellt werden. Durch den modularen Aufbau wird Schubkastendenken gefördert mit dem Ergebnis, dass die Absolventen eher „Schmalspurfahrer“ sind und nicht gelernt haben, über den Tellerrand zu schauen. Daran ändern auch die vielfach aufgelegten interdisziplinären Studiengänge nichts, denn zu allererst geht es um die Vermittlung von Kernkompetenzen im jeweiligen Fach.

Alumni News: Sie haben sowohl in den Jahren 2001 bis 2004 an der Freien Universität Berlin als auch 2005/2006 am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr verschiedene Arbeitsgruppen mit mehreren Mitarbeitern geleitet. Wie konnten Sie sich auf Ihre Arbeit als Führungskraft vorbereiten? Ist für einen Wissenschaftler dabei die Intuition ausreichend?

Professor Stefan Hecht: Kein Professor wird darauf vorbereitet, Mitarbeiter zu führen, sodass man dafür schon eine gewisse Befähigung besitzen muss. Ich glaube jedoch, dass man die Fähigkeit des Anleitens und Motivierens – wenn auch nur begrenzt – erlernen kann. Ob Managerkurse einen Teilnehmer ohne ein gewisses Grundtalent weiterbringen können, wage ich eher zu bezweifeln. Für mich wäre ein Mentorensystem an dieser Stelle eine gute Sache: Sich von gestandenen Leuten etwas abgucken und von ihnen ein Feedback zu erhalten, wäre meiner Meinung nach wohl die sinnvollste Lösung.

Alumni News: Was brauchen wir für eine „Forschungskultur“, um weltweit in Sachen Forschung mithalten zu können?

Professor Stefan Hecht: Wir brauchen mehr Offenheit und mehr Internationalität in Deutschland. Um gute internationale Forscher zu uns zu holen, müssen wir entsprechende Bedingungen schaffen. Das bedeutet beispielsweise, dass die englische Sprache noch selbstverständlicher in der Lehre verwendet werden sollte. Außerdem müssen wir konkurrenzfähige Gehälter anbieten, aber vor allem muss sich Engagement in unserer Gesellschaft wieder lohnen – nicht nur für den Hochschullehrer!

Alumni News: Was empfehlen Sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs, um so erfolgreich zu werden wie Sie?

Professor Stefan Hecht: Ich rate ihnen, sich vor allem vielen und verschiedenen Umgebungen und Herausforderungen zu stellen. Neben den menschlichen Erfahrungen an fremden Orten halte ich es für besonders wichtig, unterschiedliche Ansätze, Perspektiven und Konzeptionen kennen zu lernen, diese genau anzuschauen und die relevanten Dinge zu extrahieren. Von dieser Gabe des aufmerksamen und kritischen Beobachtens habe ich persönlich stark profitiert. Wohl am wichtigsten ist es jedoch, sein eigenes Thema, sein Ziel im Leben zu finden. Denn das, was man gern tut, wird man auch gut tun!

Alumni News: Lieber Herr Hecht, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Weitere Informationen zur wissenschaftlichen Arbeit von Professor Stefan Hecht finden Sie unter www.hechtlab.de im Internet.


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