Deutschlands jüngste Hochschuldozentin

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2017

Carina Lämmle – Preis der Bundesbildungsministerin für die beste interdisziplinäre Arbeit 2011

Carina Lämmle

Jeans, Pullover, Turnschuhe. Wenn sie durch die Flure der Hochschule Biberach geht, sieht sie aus wie eine der vielen Studentinnen. Ist sie aber nicht: Denn Carina Lämmle ist mit gerade einmal 16 Jahren Deutschlands vermutlich jüngste Hochschuldozentin! Im Wintersemester 2011/2012 hält sie Vorlesungen zum Thema „Innovative Packmittel“ und gibt Studenten eine „Einführung in massenspektrometrische Methoden als wichtiger Bestandteil der instrumentellen Analytik“. Eine Schülerin der 11. Klasse vermittelt Studenten, die ihre älteren Geschwister sein könnten, fachlich höchst anspruchsvolle Inhalte – zugegeben: keine ganz alltägliche Konstellation.

In der Grundschule hat Carina Lämmle zunächst gar kein großes Interesse an Naturwissenschaften. Architektin will sie damals werden. Schwimmen, Tennis und Klavierspielen sind lange Zeit ihre Hobbys. Erst in der 7. Klasse entwickelt sich langsam ihr Faible für Chemie, Physik und Biologie. Ihr Physiklehrer am Pestalozzi-Gymnasium in Biberach empfiehlt ihr den Besuch des Schülerforschungszentrums Südwürttemberg (SFZ) im 30 km entfernten Bad Saulgau. Das SFZ bietet Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, eigene Forschungsprojekte durchzuführen und ihre Ergebnisse bei nationalen und internationalen Wettbewerben zu präsentieren. Sie fährt hin, um sich das Ganze einmal anzuschauen. Erst der zweite Besuch kann sie überzeugen. Die Atmosphäre gefällt ihr, sie kann vor Ort übernachten, es entstehen Freundschaften, die Besuche werden häufiger. „Vor allem das interdisziplinäre Arbeiten finde ich schön, die bunte Mischung macht es. Am SFZ kommen viele nette Menschen zusammen, mit denen das Forschen Spaß macht. Es ist immer etwas los und wird nie langweilig.“

Im SFZ, einer Oase für junge Forscher, entdeckt sie ihr Interesse für die Gegenstromchromatographie. Das unter Naturwissenschaftlern bekannte Verfahren wird von Chemikern genutzt, um Stoffgemische mit Hilfe zweier nicht mischbarer Flüssigkeiten in ihre reinen Bestandteile zu trennen. 2010 nimmt sie das erste Mal mit einem Projekt zu diesem Thema bei Jugend forscht teil. Mit verschiedenen chromatographischen Methoden untersucht sie die Inhaltsstoffe einer Zwiebel. Irgendwann reicht ihr die reine Anwendung der Chromatographie nicht mehr – sie will wissen, was dahinter steckt. Gemeinsam mit ihren SFZ-Projektpartnern Felix Engelmann und Simeon Völkel widmet sich Carina Lämmle dieser spannenden Fragestellung: „Wir wollten das aus physikalischer Sicht verstehen“, erklärt die 16-Jährige. „Die meisten Chemiker nutzen das Verfahren ohne zu wissen, warum und wie die Gegenstromchromatographie funktioniert. Ihnen reicht es aus, dass sie belastbare Ergebnisse erzielen können – uns nicht.“

Die Tricks und Kniffe, um ein kompliziertes Forschungsthema gut zu verkaufen, kennt Carina Lämmle auch schon: „Man braucht einen Titel, der griffig ist, sonst kann man kein Interesse wecken.“ „Phasenkarussell“ nennen die drei Jungforscher ihr Projekt dann auch. Zwei Flüssigkeiten, die sogenannten Phasen, fließen gemeinsam durch einen Schlauch, der um einen Zylinder gewickelt ist. Eine fließt dabei über die andere hinweg. Mit einer selbst gebauten Apparatur untersuchen die Jugendlichen, wie sich das Fließverhalten in einer rotierenden Glasschraube in Abhängigkeit von Rotation, Schraubendurchmesser und Materialeigenschaften verändert. Die Erkenntnisse aus dieser Analyse übertragen sie auf ihre Apparatur, um so einen chromatographischen Trennungsprozess zu verbessern. Bei Jugend forscht 2011 folgt ein glatter Durchmarsch von der Regional- über die Landesebene bis zum Bundesfinale. Auch hier überzeugen die drei jungen Wissenschaftler die Jury: Sie werden Bundessieger, die den Preis der Bundesbildungsministerin für die beste interdisziplinäre Arbeit gewinnen.

Wie kommt nun die junge Expertin am Massenspektrometer zu den Studenten an der Hochschule im oberschwäbischen Biberach? Bei einer Führung durch die Hochschule, organisiert durch das SFZ, entdeckt die Jungforscherin ein Massenspektrometer, das außer Betrieb ist. Das ist ungewöhnlich, denn ein solches Gerät – immerhin mit einem Wert von rund 300.000 Euro – wird in der Regel nie abgestellt, da der Neustart des komplexen Systems sehr aufwendig ist und zudem die Genauigkeit des Messinstruments beeinträchtigt. Das weiß auch Carina Lämmle und lässt ihre Einschätzung sogleich dem Dekan zukommen: „Die Abschaltung tut den Vakuumpumpen gar nicht gut – außerdem kann man ein solch teueres Gerät nicht einfach in der Ecke verstauben lassen.“ Der Dekan ist begeistert von so viel Leidenschaft, zögert nicht lange und engagiert die Nachwuchswissenschaftlerin als jüngste Hochschuldozentin Deutschlands. Seit Monaten suchte er schon einen geeigneten Betreuer für das Gerät, nachdem der zuständige Mitarbeiter die Hochschule verlassen hatte.

Und so unterstützt Carina Lämmle nun Professor Chrystelle Mavoungou im Bachelor-Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie und erklärt den Studierenden, wie man das Massenspektrometer bedient. Als „geborene Naturwissenschaftlerin, die fachlich und pädagogisch absolut geeignet ist“ beschreibt Professorin Mavoungou ihre neue Mitarbeiterin. Beim ersten Gespräch habe sie nur zugehört und die ganze Zeit vor Staunen den Mund offen gehabt. Auf die Frage, wie es denn sei, Studierende zu unterrichten, die ihre großen Geschwister sein könnten, antwortet Carina Lämmle, das Alter spiele keine Rolle: „Wichtig ist mir zu sehen, dass sie Spaß dabei haben und interessiert zuhören. Wenn diese beiden Voraussetzungen gegeben sind, dann macht es mir auch Spaß.“ Und auch die Studenten sind begeistert von ihrer neuen Dozentin: „16 Jahre und dabei so souverän und sicher – aber vor allem: so viel Wissen! Das ist einfach unglaublich!“ sagt Llia Mohov, Studentin an der Hochschule Biberach.

Jugend forscht Bundessieg und Lehrauftrag an der Hochschule sind aber längst noch nicht alle bemerkenswerten Stationen im jungen Leben der Nachwuchswissenschaftlerin. 2010 darf Carina Lämmle zudem an der International Conference of Young Scientists (ICYS) im indonesischen Bali teilnehmen. Für ihr Projekt zu den Inhaltsstoffen einer Zwiebel wird sie bei dem internationalen Wettbewerb mit einer sensationellen Bronzemedaille ausgezeichnet. Auf dem Rückweg sitzt die Schülergruppe einige Tage in Kuala Lumpur fest, weil der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull jeglichen Flugverkehr verhindert. 2011 erringt das deutsche Team mit Carina Lämmle den Gesamtsieg beim naturwissenschaftlichen Quanta-Wettbewerb in Indien. Im selben Jahr überzeugt die 16-Jährige Schülerin beim Jugend forscht Förderprojekt „Mission Medipaket“ von DHL. Für den Transport von Medikamenten entwickelt sie eine innovative Verpackungslösung aus Kohlenstoff, der auch extreme Temperaturen nichts anhaben können. Ihr prämiertes Projekt darf sie während einer einwöchigen Reise nach Dubai dem Disaster Response Team des Logistikunternehmens, das im Katastrophenfall in die betroffenen Gebiete entsandt wird, vorstellen. Von „Wow!“ über „Coole Sache!“ bis „Krass!!! Das ist selbst für Jugend forscht Verhältnisse echt beeindruckend!!“ reichen die Reaktionen auf der Facebookseite von Jugend forscht zu Carina Lämmles junger Karriere. Eine Userin schreibt sogar „Carina, Du bist jetzt schon Nobelpreisträgerin“. 

Bis dahin sind es aber wohl noch ein paar Jahre. Also, eins nach dem anderen. Im Jahr 2013 besteht Carina Lämmle erst einmal das Abitur am Pestalozzi-Gymnasium in Biberach. Im Anschluss beginnt sie ein Chemiestudium an der Technischen Universität München. Ihre Freude am Forschen ist nach wie vor ungebrochen: „Ich mache ungern etwas, das schon viele zuvor gemacht haben. Ich will den Dingen auf den Grund gehen, bei denen sich andere mit der Oberfläche zufrieden geben.“ Am liebsten würde sie auch in Zukunft an einer Universität forschen und – wenn sie die Möglichkeit erhält – einmal Professorin werden. 


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