Der Riese, der nach den Sternen greift

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2006

Thomas Erfurth – Bundessieger Geo- und Raumwissenschaften 2003

Thomas Erfurth

Er ist der Größte. In über 40 Jahren Jugend forscht. 208 Zentimeter – vom Scheitel bis zur Sohle. Schuhgröße 52, aber kein Leben auf großem Fuß – eher ein schicksalhaftes. Denn die Karriere von Thomas Erfurth hätte unter normalen Umständen eine ganz andere Wendung genommen. Dort, wo heute das "German Wunderkind" Dirk Nowitzki in den USA Geld und Ruhm als Basketballer in der US-Profiliga einheimst, da hätte auch das Konterfei des gebürtigen Berliners durch die Medien gehen können. Ja, wenn nicht 2001 eine Herzoperation mit absolutem Hochleistungssportverbot dem Ehrgeiz ein abruptes Ende bereitet hätte. Eine angeborene Bindegewebsschwäche verschlimmert sich vermutlich durch die hohe Pumpbelastung des Kreislaufs bei drei Stunden Training an sechs Tagen in der Woche so extrem, dass die Gefahr einer inneren Blutung besteht.

"Es war besser, mit dem Sport aufzuhören. Obwohl ich an der E.-A.-Laney Highschool in North Carolina war, an der auch Basketball-Superstar Michael Jordan einst begann unter meinem dortigen Headcoach. Nach dem zwölfmonatigen Schüleraustausch hätte ich noch ein Jahr am College der UNC oder der Duke University spielen können. Wenn das geklappt hätte, dann wäre es nichts mit Jugend forscht geworden, denn North Carolina ist der Basketball-Bundesstaat schlechthin", blickt der 20-jährige angehende Wirtschaftsingenieur immer noch mit etwas Wehmut zurück.

So aber findet Thomas Erfurth die Zeit, sich vollends seiner anderen Leidenschaft zu widmen – der Astronomie. Und er nimmt 2003 bei Jugend forscht teil. Sein Projekt: Mit Spiegelteleskop, Digitalkamera und mehreren Spezialfiltern fängt er das Licht "aktiver Galaxiekerne" auf und untersucht es auf eine besondere Eigenschaft – die so genannte Polarisation, das heißt die Ebene, in der die Lichtwellen schwingen. Mit seiner Arbeit schafft er es nicht nur bis zum Bundeswettbewerb. Er wird auch Bundessieger.

"Seit meinem achten Lebensjahr interessiere ich mich für den Blick in die Sterne. In den ersten drei Jahren habe ich zunächst nur Bücher darüber gelesen. Mit zwölf hörte ich von der Wilhelm-Foerster-Sternwarte", erklärt Erfurth seinen ersten Kontakt mit fernen Galaxien. Um nicht nur mit bloßem Auge den Sternenhimmel zu betrachten, muss Thomas Erfurth zunächst Mitglied der Volkssternwarte werden und auch den Vater fragen, ob er nächtelang für seine Beobachtungen wegbleiben darf. "Für einen Zwölfjährigen ist das ja auch nicht normal, und in den ersten beiden Jahren ließ man mich auch nur an die kleinen Teleskope heran. Aber als ich die 100. Sternschnuppe und zehnmal den Jupiter gesehen hatte, da wurde es mir doch etwas langweilig", erinnert sich Erfurth, der 2004 Abitur an der Lise-Meitner-Schule macht.

Zum Glück gibt es Dr. Wolfgang Hasse von der TU Berlin, ein "Wissenschaftler durch und durch". Er engagiert sich in der Jugendarbeit und schlägt dem Youngster ein Projekt zur Erforschung aktiver Galaxienkerne vor. Fortan darf der Schüler sogar an den Sechs-Zoll-Refraktor heran. Eigentlich ist die Beobachtung der Galaxienkerne mit Polarimetrie "Profisache". Doch Thomas Erfurth beißt sich durch und will unter Beweis stellen, "dass ich Beobachtungen mit einfachen Mitteln machen kann zu Problemen, mit denen sich große Wissenschaftler wie der im Rollstuhl sitzende Stephen Hawking beschäftigen. Also mit geringsten Mitteln Anschluss an die große Forschung bekommen, das war schon faszinierend", klingt verständlicher Stolz in der Stimme durch. "Einen Blick an das Ende des Universums zu werfen, in eine kaum vorstellbare Entfernung von zwölf Milliarden Lichtjahren, das ist schon eine spannende Sache."

Thomas Erfurth betreibt Grundlagenforschung. Die will er auch in Zukunft fortführen. Einfach als Hobby, um dann seine kontinuierlichen Beobachtungen den "richtigen Wissenschaftlern" zur Forschung zur Verfügung zu stellen. Daher engagiert er sich weiter als Mitglied in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte Berlin, die als eingetragener Verein organisiert ist. Da er aber zurzeit mit der Planung und Ausführung von umfassenden Bau- und Sanierungsmaßnahmen an zwei Einfamilienhäusern seiner Familie beschäftigt ist, kommt die Astronomie momentan ein wenig zu kurz. Langfristig wird er sich diesem Hobby aber wieder mehr zuwenden, wobei die Themen seiner Jugend forscht Arbeiten, da ist er sich ganz sicher, dann wieder im Mittelpunkt stehen werden. Beruflich jedoch zieht es den Berliner in eine ganz andere Richtung. Verkehrswesen und Logistik sind die Themen, die den Wirtschaftsingenieur von morgen im Studium beschäftigen.

Bedingt durch die Aktivität als Bauleiter musste sein Studium an der TU Berlin etwas zurückstehen. Das Vordiplom wird er aber spätestens im Sommer in der Tasche haben.

Bis dahin hat der Jufo-Bundessieger von 2003 ab und an auch noch Zeit für den ein oder anderen Wurf auf die von ihm so geliebten Basketballkörbe. Denn so ganz kann er es nicht lassen. "Beim TuS Lichterfelde oder auf der Straße spiele ich hin und wieder just for fun, aber relaxed." Das ist Thomas Erfurth. Ein großer Kerl, der schon in jungen Jahren an Grenzen stößt. Aber nicht aufgibt.


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