Ein Jufo im Kotzbomber

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2006

Florian Maier – 2. Preis Technik 2000

Florian Maier

"Die Zeit anhalten – wer hat davon nicht schon geträumt? Sich in einem Raum fortzubewegen, in dem alles bis auf einen selbst wie eingefroren wirkt." So spannend beginnt Florian Maiers Beschreibung seines Projektes "Frozen Reality" in einem sechsseitigen, blau unterlegten Flyer, mit dem er im Jahr 2000 bei Jugend forscht zweiter Bundessieger im Fachgebiet Technik wird. Seit seinem Erfolg tüftelt der Nachwuchswissenschaftler emsig weiter an seiner Arbeit, spezifiziert sein Verfahren und bemüht sich um eine exzellente Vermarktung seines Projektes.

Die Zielsetzung seines Verfahrens ist es, so Maier, mit digitalen Fotokameras einen Kurzzeitvorgang gewissermaßen "einzufrieren", der aufgrund seiner Geschwindigkeit für das menschliche Auge nicht mehr wahrnehmbar ist. Dies trifft beispielsweise auf hochspritzendes Wasser zu, wenn ein Gegenstand in ein gefülltes Glas fällt. Maiers Verfahren ermöglicht es dem Betrachter außerdem, sich mit der Kamera um ein derart "eingefrorenes" Objekt zu bewegen und Dinge zu sehen, die aus nur einer Perspektive nicht erkennbar wären. Der 26-jährige Student der Medientechnologie an der TU Ilmenau meldet das von ihm entwickelte Verfahren bereits im Dezember 1999 als Patent an. Den Namen "Frozen Reality" lässt er als Marke schützen. Bei der Formulierung des Antrages dürfte sein Vater ihm unterstützend zur Seite gestanden haben, denn der ist Abteilungsleiter beim Deutschen Patent- und Markenamt in der bayerischen Landeshauptstadt.

"Mich faszinieren besondere Filmtechniken, sei es zum Beispiel ein Verfahren wie "Frozen Reality" oder Fahrten mit einem Kamerakran. Dabei interessiert mich sowohl die technische Seite wie auch die Ästhetik – denn der Effekt, der damit erzielt wird, muss optisch ansprechend sein", erklärt Florian Maier, der sich selbst als perfektionistisch bezeichnet und viel Spaß daran hat, sich fächerübergreifend weiterzubilden. Während er sein Projekt beschreibt, betont er seine Aussagen immer wieder gestenreich mit den Händen. Heute kann er sich und seine Projekte gut präsentieren. "In der Grundschule gehörte ich jedoch noch zu den weniger Kommunikativen." Die Sicherheit ist seitdem gewachsen. "Da hat Jugend forscht eine große Rolle gespielt, denn Erfolg bringt in gewisser Weise auch Selbstbewusstsein", bestätigt der junge Mann, der eine eigene Videoproduktionsfirma mit Namen BlueFrames Media betreibt.

Von dem gewachsenen Selbstverständnis können sich seine Kollegen aus dem Netzwerk der ehemaligen Bundessieger von Jugend forscht selbst ein Bild machen: Als auf dem 7. Perspektiv Forum von Jugend forscht in Ulm sehr kurzfristig ein Referent ausfällt, springt der angehende Diplom-Ingenieur der Medientechnologie kurzerhand ein. Und lieferte einen beeindruckenden Vortrag ab. Das Thema ist hochinteressant: Der stets gut gelaunte Technikfreak berichtet von seiner Teilnahme an der 7. ESA Student Parabolic Flight Campaign. Dabei werden in einem umgebauten Airbus A300 ("ZeroG") Experimente in der Schwerelosigkeit durchgeführt. Anfang 2004 wird Florian Maiers "Frozen Reality Space Project" als eines von 30 Projekten aus über 160 Bewerbungen aus ganz Europa und Kanada ausgewählt. Zusammen mit Studenten der Universitäten Würzburg und Neapel reist er daraufhin nach Südfrankreich und erlebt erstmals in einem Flugzeug das Gefühl der Schwerelosigkeit. Der Airbus fliegt im Steigflug gen Himmel in einem Winkel von 47 Grad. Dabei wirkt eine Beschleunigung von 1,8 G auf Körper und Gegenstände. Dann werden die Triebwerke so gedrosselt, dass die Flugbahn eine Wurfparabel beschreibt. Etwa 20 Sekunden hält der Zustand des Schwebens durch den Raum an. Kein Wunder, dass dieses Flugzeug auch der "Kotzbomber" genannt wird.

"Das ist wie Achterbahnfahren. Aber es ist eine Fahrt, die nicht aufhört. Man fällt und fällt. Das ist aufregend, aber nicht irreal. Nicht wie in einer fremden Welt. Man gewöhnt sich daran und schon bald freut man sich auf die nächste Parabel", beschreibt Florian Maier das Gefühl am Rande des Orbits. "Nein, Angst war es nicht. Eher eine ungewisse freudige Erwartung. So ein Kribbeln im Bauch. Man weiß nicht, was einen erwartet. Aber es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht", ist ihm die Begeisterung auch noch Monate danach anzumerken. Ohne Frage, dieses Abenteuer gehört für den gebürtigen Münchner "zu einem der größten Erlebnisse" seines bisherigen Lebens. Oder wie er es in der Projekt-Dokumentation beschreibt: "Das absolute Highlight war die Möglichkeit, die man vermutlich nur einmal in seinem Leben nutzen kann: Einmal wirkliche Schwerelosigkeit erleben!"

Dann bleibt ja nur noch eine Steigerung: Ins All? "Vorstellbar ist es schon, aber eher unrealistisch. Es ist sicherlich sehr interessant, Astronaut zu werden, und ich würde es auch machen, aber es war nie mein Kindheitstraum", sagt Maier, der später beruflich gern verschiedene Gruppen für unterschiedliche Projekte leiten möchte und auch Interesse am Wissenschaftsjournalismus im Fernsehen hegt. "Das Schlimmste wäre für mich, wenn ich nur immer im Büro und tagein tagaus immer nahezu das Gleiche bis zu meiner Rente arbeiten müsste", sagt der ehemalige Jufo. Bevor das Berufsleben ruft, packt der junge Mann jedoch zunächst noch ein völlig anderes Projekt an. "Ich habe mir eine alte Feldbahnlok aus den 30er Jahren gekauft und will sie restaurieren."

Florian Maiers Frozen Reality-Erfindung kommt mittlerweile in der Forschung und im Unterricht zum Einsatz. Doch die Welt der Wissenschaft ist nicht alles für Florian Maier. Am liebsten möchte er "etwas mit Medien" machen. Sein Traum ist die Filmindustrie. Die Bilder, die Frozen Reality produziert, sehen unglaublich beeindruckend aus und würden jeder Hollywood-Produktion gut zu Gesicht stehen. Ein Schweizer Dokumentarfilmer hat schon Interesse bekundet. Natürlich kommen die Effekte auch im geplanten Feldbahnprojekt zum Einsatz. Eine Dokumentation darüber wird zudem im Fernsehen ausgestrahlt und anschliessend auf mehreren DVDs veröffentlicht. Außerdem berät Florians Firma "BLUE FRAMES media" namhafte Kunden und dreht Image-Filme. In diesen kommen dann auch 3D-Filme, Fotos und der Frozen-Reality Spezialeffekt umfassend zum Einsatz – und das alles in einem 46 Quadratmeter großen Fernsehstudio. Wenn Florian seine Filmkarriere mit genauso viel Ehrgeiz verfolgt wie seine wissenschaftlichen Experimente, sollte man sich nicht wundern, ihn bald auf dem roten Teppich zu treffen.

Forschung, Wissenschaft und Film sind aber nicht das Einzige, was Florian Maier interessiert. Er ist ein richtiger Weltenbummler. Besonders Kanada, Schweden und die Schweiz haben es ihm angetan. Demnächst plant er die Besteigung des Kilimanjaro. Neben dem Reisen musiziert Florian gerne, er ist ein ausgezeichneter Pianospieler. Die vielen unterschiedlichen Interessen und sein Engagement machen klar: Er steht mit beiden Beinen im Leben. Eben typisch Jugend forscht.


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