Deutschlands wertvollste Gartenlaube

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2006

Stephen Schulz – Bundessieger Chemie 2005

Stephen Schulz

Natürlich dreht sich in einem Porträt alles um eine Person: In diesem Fall um Stephen Schulz, Jugend forscht Bundessieger im Fachgebiet Chemie des Jahres 2005. Aber auch ein besonderer Schauplatz ist in dieser Geschichte von großer Bedeutung: das Gartenhäuschen. Es steht im Schrebergarten des Großvaters, irgendwo in Gelsenkirchen, und beheimatet das komplettes Chemie-Laboratorium von Stephen Schulz. Den genauen Standort will er nicht verraten, um die wertvolle Ausstattung nicht zu gefährden. Schließlich ist die Gartenlaube vollgestellt mit Chromatographen, Waagen und Stoffen wie Gold und Platin im Wert von mehreren Tausend Euro. Stephens Schulz ist stolzer Besitzer der teuersten Gartenlaube im Umfeld – wie gut, dass es in Gelsenkirchen genug Schrebergärten gibt, um den genauen Standort der Schätze erfolgreich verbergen zu können.

Das Gartenhäuschen ist also der Schauplatz, in dem aus Stephen Schulz, dem naturwissenschaftlich begabten Abiturienten, ein internationaler Chemie-Überflieger wird. Denn hier entwickelt der 19-Jährige – neben den vorangegangenen Jugend forscht Projekten – sein „lab on the chip“. In jahrelanger Forschungsarbeit gelingt es dem jungen Tüftler, Standardplatinentechnik so weiterzuentwickeln, dass er die Analyse von medizinisch relevanten Reagenzien nicht nur sehr kostengünstig, sondern vor allem auf kleinstem Raum durchführen kann. So entsteht ein „Labor für die Westentasche“, das, in der Unfallhilfe eingesetzt, in kürzester Zeit Blutwerte ermitteln und so unter Umständen Leben retten kann.

An eine konkrete Begebenheit, die seine Begeisterung für die Chemie entfacht, kann sich Stephen Schulz nicht erinnern. Auch einen Chemiebaukasten sucht man im Kinderzimmer vergeblich. Statt dessen ist es wohl das Faible des Vaters für technische Basteleien, das im Junior das Interesse weckt. Aus zusammengesteckten Schaltungen erwächst seine Faszination für das Löten, von dort ist es zur Platinentechnik nicht weit. Und ehe sich die Eltern versehen, befasst sich der Sohn mit Haushaltschemikalien. Als er entdeckt, dass man über das Internet Chemikalien kaufen kann, die in keiner Apotheke zu haben sind, ist der kleine Stephen nicht mehr zu halten. Allerdings ist er erst in der fünften Klasse und muss sich deshalb vom Vater besorgte Sicherheitsbelehrungen anhören. Erst als klar wird, dass das Chemietalent sich nicht nur sehr gut mit Reagenzien und Apparaturen auskennt, sondern auch verantwortungsbewusst mit diesen umgeht, sind Eltern und Lehrer beruhigt. Immerhin nimmt Stephen Schulz die Sicherheitshinweise so ernst, dass zu diesem Zeitpunkt auch das Gartenhäuschen ins Spiel kommt – die Lagerung seiner Chemikalien im Wohnhaus ist schließlich verboten.

Stephen Schulz ist Autodidakt: Sein gesamtes chemisches Wissen eignet er sich selbst an. Er ist heute noch stolz auf sein erstes, mittlerweile total zerschlissenes Fachbuch. Als Stephen in der 10. Klasse ist, wird es der Chemielehrerin an der Gesamtschule Buer-Mitte zu bunt. Ab sofort bestreitet Stephen Schulz den Unterricht, die Lehrerin vergibt nur noch Noten. Er profitiert von der ungewöhnlichen Abmachung: Er kann sicherstellen, dass auch kompliziertere Versuche den Weg in den Klassenraum finden und feilt vor allem an seinen Präsentationstechniken. Besonders Letzteres ist wichtig – denn schon längst ist Stephens Schulzes Betreuungslehrer der Überzeugung, dass die Experimente seines Schützlings zu schade für das Gartenhaus sind. Jugend forscht scheint eine geeignete Plattform, um der Öffentlichkeit die anspruchsvollen Forschungsarbeiten vorzustellen. 2003 nimmt der Nachwuchswissenschaftler das erste Mal am Wettbewerb teil und wird für seine Arbeit über Anthocyane gleich mit einem 2. Platz im Fachgebiet Chemie und einem hochdotierten Sonderpreis ausgezeichnet. Dieser Erfolg markiert den Beginn einer erfolgreichen Jugend forscht Karriere: Im folgenden Jahr ist Stephen Schulz wieder dabei und erringt erneut den 2. Platz – zudem erhält er einen Sonderpreis, der Wegbereiter seines bislang größten Erfolges wird. Im Frühling 2005 nämlich darf Stephen Schulz für Deutschland bei der Intel ISEF, dem weltweit teilnehmerstärksten Wettbewerb für Nachwuchswissenschaftler in Phoenix, Arizona in den USA antreten.

Stephen Schulz misst sich an sechs Tagen mit über 1400 Teilnehmern aus mehr als 40 Ländern, steht der Jury mehrmals Rede und Antwort und ist heute noch überrascht, dass er seine Präsentation sogar auf Englisch überzeugend „rüberbringen“ kann. Schließlich sind die Naturwissenschaften, nicht aber die Fremdsprachen seine Stärke. Am Ende der riesigen Veranstaltung werden drei Teilnehmer mit so genannten Grand Awards, den absoluten Hauptpreisen, ausgezeichnet. Unter den drei Gewinnern ist auch Stephen Schulz, der die USA mit Preisen im Wert von fast 70.000 Dollar verlässt. So richtig kann er sein Glück auch Wochen nach dem Wettbewerb nicht fassen, fragt sich, womit gerade sein Forschungsprojekt die wichtigste Auszeichnung verdient hat. Gleichzeitig ist er sich sicher, dass die Jugend forscht Wettbewerbe eine perfekte Vorbereitung darstellen, die Teilnehmern aus anderen Ländern fehlt.

Wieder in der Heimat, reißen sich die Medien um den „Einstein Junior aus Gelsenkirchen“ (Schlagzeile in der Bild-Zeitung): Wie gut, dass Stephen Schulz den Trubel bereits kennt und nicht auf den Mund gefallen ist. Denn nur so kann er, ganz nebenbei, sein Abitur schreiben und noch einmal bei Jugend forscht antreten. Trotz zwei zweiter Plätze und des großen Erfolgs in Amerika denkt er nämlich gar nicht daran aufzuhören. Vielmehr packt ihn das „Jetzt erst recht!“. Tatsächlich sind die deutschen Juroren vom Westentaschen-Labor, aber auch von Stephen Schulzes Beharrlichkeit genauso begeistert wie die amerikanischen Kollegen. Beim Bundeswettbewerb 2005 in Dortmund wird er Bundessieger im Fachgebiet Chemie.

Trotz der üppigen Preisgelder, die ihm ein Studium an einer Elite-Hochschule im Ausland ermöglichen würden, hält Stephen Schulz an seinen ursprünglichen Plänen fest: Im Herbst beginnt er sein Chemiestudium an der Universität Münster. Kontakte zu den weltbesten Professoren der Fachrichtung „elektrometallorganische Chemie“ sind schon geknüpft und zahlreiche Firmen unterstützen den Jungforscher mit Ausrüstung und Chemikalien. Einem schnellen, erfolgreichen Studium sowie vielen weiteren Stunden im Gartenhäuschen steht also nichts mehr im Weg.


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