Mathematiker mit Pioniergeist

Stiftung Jugend forscht e. V. | 2014

Roland Speicher – Bundessieger Mathematik/Informatik 1979

Roland Speicher (links) und Michael Schwarz 1979

Roland Speicher 2014

Für Roland Speicher ist die Mathematik kein unlösbares Rätsel aus Zahlen, Formeln und Formen, aus Algorithmen und Strukturen. Vielmehr ist Mathematik in seinen Augen vor allem eines: Schönheit. Im Gegensatz zur Schönheit von Kunst oder Musik bleibt einem die Schönheit der Mathematik auf den ersten Blick allerdings verborgen, wie er findet. "Denn diese erkennt man erst, wenn man sich länger mit einem Problem beschäftigt und dadurch Strukturen und Muster zutage treten", so Roland Speicher. Woher seine ausgeprägte Leidenschaft für Mathematik stammt, kann er nicht genau beantworten. In der Schule jedenfalls ist sie bereits sein Lieblingsfach.

Bundessieg Mathematik/Informatik

Als Roland Speicher eines Tages auf ein Plakat mit dem Aufruf zu Jugend forscht aufmerksam wird, entscheidet er sich spontan mitzumachen. Gemeinsam mit seinem Freund Michael Schwarz erforscht er das sogenannte Magische Quadrat, eine quadratische Anordnung von Zahlen, bei der die Summe der Zahlen aller Zeilen, Spalten und der beiden Diagonalen gleich sind. 1978 nehmen beide erstmals am Wettbewerb teil. Sie gewinnen den zweiten Preis im Fachgebiet Mathematik/Informatik beim Landesfinale im Saarland. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln, wecken den Ehrgeiz der Jungforscher. Sie befassen sich noch intensiver mit ihrer Forschungsarbeit. Ein Jahr später treten sie mit ihrem weiterentwickelten Projekt erneut an. In der Arbeit "Untersuchungen über magische n-Dimenser" befassen sie sich mit der Frage, ob sich die Anordnung des Magischen Quadrats auch auf 3- und n-dimensionale Würfel übertragen lässt – und tatsächlich können sie die Existenz gewisser Klassen n-dimensionaler Würfel aufzeigen. Das Projekt begeistert die Jury und so gewinnen die Jungforscher 1979 den Bundessieg im Fachgebiet Mathematik/Informatik – für beide ein unvergessliches Erlebnis.

Auf dem Weg zum Traumberuf

"Professor zu werden, war schon immer mein Traum", sagt Roland Speicher. Ein großes Ziel für einen Jungen aus einer Arbeiterfamilie, wohnhaft in der kleinen Gemeinde Beckingen im Saarland. Zum Glück teilt er den Forscherdrang mit seinem Freund Michael Schwarz, und so tüfteln sie gemeinsam an mathematischen und physikalischen Problemen. Bei Jugend forscht können sie sich mit anderen über ihr Hobby austauschen und bekommen viel Anerkennung für ihre Leistungen. Die positiven Erfahrungen, die er beim Wettbewerb macht, bestärken Roland Speicher, im Anschluss an das Abitur ein Studium zu beginnen. Zwischen 1979 und 1986 studiert er in Saarbrücken, Freiburg und Heidelberg sowohl Mathematik als auch Physik. Doch damit nicht genug: 1989 wird er im Fach Mathematik mit Auszeichnung promoviert. 1994 folgt die Habilitation an der Universität Heidelberg.

Pionierarbeit

Das Forschungsinteresse von Roland Speicher gilt der Freien Wahrscheinlichkeitstheorie, einem neuen Forschungszweig im Bereich zwischen Analysis und Wahrscheinlichkeitstheorie. Um seine Forschungstätigkeit zu verstehen, lohnt sich ein Vergleich mit der klassischen Wahrscheinlichkeitstheorie. Diese versucht, Gesetzmäßigkeiten in scheinbar zufälligen Ereignissen mathematisch zu erfassen. Die Freie Wahrscheinlichkeitstheorie versucht das Gleiche, nur für "nicht-kommutierende" Ereignisse. Also für Ereignisse, bei denen sich das Ergebnis der Multiplikation verändert, wenn die Multiplikatoren vertauscht werden. "Es ist pure Grundlagenforschung, bei der der Erkenntnisgewinn im Vordergrund steht", sagt Roland Speicher. "In den letzten Jahren haben sich allerdings Anwendungsgebiete beispielsweise in der drahtlosen Kommunikation ergeben." In den 1990er Jahren ist die Forschung auf diesem Gebiet Pionierarbeit und eine konkrete Anwendbarkeit noch nicht absehbar. Entsprechend schwierig ist es für ihn, eine Universität zu finden, die sein Forschungsvorhaben unterstützt. Erfolgreich ist Roland Speicher dann auch nicht in Deutschland, sondern in Kanada. Dort, an der Queen's University in Kingston, erhält er seine erste Professur.

Ausgezeichnete Forschung

"Bei Jugend forscht habe ich gelernt, dass man nicht gleich aufgeben darf und dass sich Hartnäckigkeit auszahlt", sagt Roland Speicher. In diesem Sinne forscht er auch als Hochschullehrer weiter unermüdlich auf dem Feld der Freien Wahrscheinlichkeitstheorie – und das zahlt sich aus: Nach zehn Jahren in Kanada erhält er den Ruf an die Universität Saarbrücken und zieht zurück nach Deutschland. Dort wird er 2013 mit dem höchstdotierten Wissenschaftspreis der EU ausgezeichnet: dem ERC Advanced Grant. Die Auszeichnung in Höhe von 2,2 Millionen Euro ist für die weitere Forschung im Bereich der Freien Wahrscheinlichkeitstheorie bestimmt. Im August 2014 darf er zudem auf dem "International Congress of Mathematicians" in Seoul sprechen. Für einen Mathematiker ist das eine der größten akademischen Ehren und der – vielleicht nur vorläufige – Höhepunkt einer beeindruckenden Forscherkarriere.

Jugend forscht in der Retrospektive

Wenn Roland Speicher heute an die Zeit seiner Teilnahme bei Jugend forscht zurückdenkt, fallen ihm als erstes die Freundschaften ein, die er damals geschlossen hat. Freundschaften, die auch oder gerade fachlich inspirieren. So lernt er 1978 beim Wettbewerb Jürgen Hescheler kennen, der in diesem Jahr am Finale teilnimmt und 1978 den Bundessieg im Fachgebiet Mathematik/Informatik erringt. Heute ist Jürgen Hescheler Professor an der Medizinische Fakultät der Universität Köln. Seinerzeit schlägt das Herz der jungen Forscher unmittelbar nach dem Abitur zwar für unterschiedliche Fächer, ihr wissenschaftlicher Austausch erweist sich jedoch als sehr produktiv. Die beiden arbeiten intensiv zusammen und veröffentlichen beispielsweise eine Forschungsarbeit zum Thema "Chaos von Herzzellen". "Forschung sollte nicht im stillen Kämmerlein stattfinden", meint Roland Speicher. Das hat er bei Jugend forscht gelernt. "Dadurch, dass man seine eigenen Gedanken in Wort fassen muss, bekommt man neue Ideen – das gilt besonders für den Austausch über die Grenzen des eigenen Fachs hinaus."

Forschung damals und heute

Rückblickend bewertet es Roland Speicher als besonders wertvoll, dass er bei der Arbeit an seinem Jugend forscht Projekt bereits frühzeitig die Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens erlernt hat. "Besonders die Arbeitsweise im Rahmen der Projektarbeit ähnelt sehr stark der Forschungstätigkeit an der Universität", so der Mathematiker. Wie bei seiner heutigen Arbeit habe er auch bei Jugend forscht selbstständig ein Forschungsthema finden und dieses dann mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen müssen. Auch inhaltlich habe sich seit damals eigentlich gar nicht so viel verändert, so Roland Speicher: "Damals wie heute versuche ich die Strukturen hinter komplexen Gebilden zu verstehen."


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